Természetes fény (Natural Light) © Tamás Dobos
Tamás Dobos
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Berlinale 2021 | Wettbewerb - "Natural Light"

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Gleich mit seinem ersten Spielfilm hat es der ungarische Regisseur Dénes Nagy in den Berlinale-Wettbewerb geschafft. "Natural Light" ("Természetes fény") ist die Geschichte einer ungarischen Infanterie-Einheit, die im Zweiten Weltkrieg gegen russische Partisanen kämpft – und dabei von einem moralischen Dilemma ins nächste stolpert.

István Semetka (Ferenc Szabó) ist Unteroffizier der ungarischen Armee, die an der Seite der Deutschen Wehrmacht im Russland-Feldzug kämpft. Aufgabe seiner Einheit ist es, Dörfer im besetzten Hinterland zu überwachen und dabei nach Partisanen zu suchen - ein undankbarer und gefährlicher Job: Hunger, Kälte und Schlamm sind die ständigen Begleiter der Soldaten. Hinzu kommt das Heimweh und die Angst vor einem Hinterhalt.

Trotzdem bemüht sich Semetka, Mensch zu bleiben. Vergewaltigung, Grausamkeit und Plünderungen sind für ihn tabu. Er spürt instinktiv, dass die verängstigen Bauern und Waldarbeiter, die er auf seinen Patrouillen trifft, nicht wirklich seine Feinde sind.

Hunger, Kälte und Schlamm

Eines Tages gerät die Einheit auf dem Marsch in eine entlegene Ortschaft unter Beschuss. Major Szrnka (Tamás Garbacz), Semetkas Vorgesetzter, wird bei dem Angriff getötet. Semetka muss als Ranghöchster die Führung übernehmen und die Schuldigen für den Hinterhalt bestrafen. Doch der zurückhaltende Mann tut sich schwer mit der Verantwortung. Als Verstärkung auftaucht und ein ranghöherer Offizier (Lászlo Bajkó) ein Blutbad unter der russischen Zivilbevölkerung anrichtet, kann Semetka die heraufziehende Katastrophe nicht verhindern …

Vasallendienste für die Deutsche Wehrmacht

"Natural Light" geht zurück auf einen Roman von Pál Závada. Dénes Nagy hat sich für sein Spielfilm-Debut ein wenig ruhmreiches Kapitel der Geschichte seines Landes herausgesucht: Die Vasallendienste der ungarischen Armee für das Deutsche Reich im Zweiten Weltkrieg. Dabei geht es ihm jedoch weniger um historische oder militärische Details, sondern vor allem um die individuelle Verantwortung des Einzelnen. Semetka, der ungarische Landwirt im Unteroffiziers-Rang, wird zum Symbol für einen sinnlosen Stellvertreterkrieg.

Authentizität geht vor Finesse

Um eine möglichst authentische Stimmung einzufangen, hat Nagy seinen Film ausschließlich mit Laienschauspielern besetzt, die er in ungarischen Bauerndörfer gecastet hat. Seine Soldaten sollten genauso aussehen und sich genauso fühlen wie die ungarischen Infanteristen im Zweiten Weltkrieg. In ihren Gesichtern spiegelt sich die Weite der russischen Landschaft und das Unverständnis darüber, hier zu sein und nicht auf der heimatlichen Scholle.

Das Grauen des Kriegs ist omnipräsent

Die langen, ruhigen Einstellungen von Kameramann Tamás Dobos und der weitestgehende Verzicht auf künstliches Licht geben "Natural Light" etwas Düsteres, Unwirkliches. Im Dickicht des Waldes und in den dunklen Bauern-Katen sieht man die Gesichter der Schauspieler oft nur schemenhaft, kann ihre Regungen manchmal nur erahnen. Das macht den Film auf Dauer etwas eintönig, kommt aber der Realität des Hinterlandkrieges sehr nahe.

Auch wenn vor der Kamera kaum ein Tropfen Blut fließt, ist das Grauen omnipräsent.

"Ich habe Dich extra weggeschickt", sagt Semetkas Vorgesetzter, als dieser nach einem Erkundungsgang ins Dorf zurückkehrt und nur noch rauchende Trümmer einer Scheune vorfindet, in der 33 Zivilisten jämmerlich verbrannt sind.

"Die Sünde ist hinter der Tür. Sie wartet auf Dich."

Carsten Beyer, rbbKultur

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