Pure: Marnie (Charly Clive, M.) kämpft mit ihrer Zwangsstörung, welche ihr Leben mit ihren Freunden Amber (Niamh Algar, l.), Joe (Anthony Welsh, 2.v.l.), Charlie (Joe Cole, 2.v.r.) und Shereen (Kiran Sonia Sawar, r.) äußerst erschwert.; © ZDF/Phil Fisk
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Berührend-komische Dramaserie - "Pure"

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Viele Menschen leiden unter Zwangsneurosen, die ihren Alltag in einen Alptraum verwandeln - aber wahrscheinlich können nur die Briten daraus eine Serie machen, die zugleich entwaffnend ehrlich und sehr empathisch und trotzdem auch noch komisch ist. Die sechsteilige Serie "Pure" basiert auf dem gleichnamigen autobiografischen Roman von Rose Cartwright und wurde 2019 von HBO produziert.

"Hattet ihr schon mal so einen schrägen, beunruhigenden Gedanken?" fragt die 24-jährige Marnie. "So nach dem Motto: Fuck, wie bin ich denn auf so einen Scheiß gekommen? Ich hab dauernd Gedanken über Sex, die mir durch den Kopf schießen."

Das elterliche Ehe-Jubiläumsfest als wilde Sexorgie

Im englischen Original klingt das noch um Einiges charmanter:

"Hello, I’m Marnie! Welcome to the mystery that is my life!! When I was 14, I started to have relentless toughts about sex. It’s like the "Sixth Sense", but I don’t see dead people, I see naked ones."

Und das überall, wo Marnie sitzt, steht und geht: der mittelalte Busfahrer hinter dem Steuer, die junge Barfrau, die sich erkundigt, was sie trinken möchte, alle sind nackt. Und die Überraschungsfeier zum Ehejubiläum ihrer Eltern verwandelt sich in eine aberwitzige Sexorgie. Das ist der Moment, der das Fass zum Überlaufen bringt: Fluchtartig verlässt Marnie das kleine schottische Dorf, in dem sie aufgewachsen ist und jeder sie kennt, um ihrem Problem in der Millionenstadt London auf den Grund zu gehen.

Pure: Marnies (Charly Clive) Gedanken kreisen sich nur um eine Sache: Sex! Sie kann nicht anders, und das belastet sie sehr.; © ZDF/Sophia Spring
Bild: ZDF/Sophia Spring

Unverblümte Direktheit, hinreißende Authentizität

Die Probleme sind in London natürlich nicht sofort weg, aber immehrhin geht Marnie sie offensiv an: Sie findet Unterschlupf in der Abstellkammer der Wohnung einer ehemaligen Schulkameradin. Sie besucht eine Lesbenbar, um herauszufinden, ob die Sexbilder, die überall und jederzeit auf sie einstürmen, womöglich Ausdruck verdrängter Homosexualität sind. Sie findet einen unbezahlten Praktikantenjob in der Redaktion eines hippen Magazins, sucht Unterstützung in einer Sexsuchtselbsthilfegruppe und bei einer Therapeutin: Sie will verstehen, was in ihrem Kopf vorgeht und warum.

Dabei lernt Marnie lauter Menschen kennen, die ähnlich unperfekt sind wie sie selber. Bei aller Komik verliert die Serie niemals aus dem Blick, wie verstörend das alles ist, was Marnie erlebt. Dass die Serie so einfühlsam und wahrhaftig wirkt, hat auch damit zu tun, dass die Autorin der autobiografischen Romanvorlage weiß, wovon sie spricht und dass sich die Drehbuchautorin und die beiden Regisseurinnen mit umfangreichen Recherchen umsichtig ins Thema eingearbeitet haben.
Pure: Marnie (Charly Clive) hält während des 25. Hochzeitstags ihrer Eltern eine Rede.; © ZDF/Rory Mulvey
Bild: ZDF/Rory Mulvey

Verführung zu Toleranz

Ein ganz besonderer Coup aber ist die Riege der jungen Schauspieler*innen, allen voran die große Entdeckung Charly Clive. Als Marnie kann sie ganz schön anstrengend sein in ihrer unverblümten Direktheit, vor allem aber ist sie hinreißend authentisch, was neben all ihren anderen neuen Bekannten vor allem ihren Kollegen Joe bezaubert: "Du hast nicht nachgedacht, hast einfach nur gemacht", sagt er bewundernd: "Ich will auch so sein! Ich will auch in meiner Boxershorts und ner Wolke Muffins gehen! Die Konsequenzen sind dir scheißegal, du machst einfach! Das ist cool."

Völlig undidaktisch und lebensnah stiftet die Serie zu Toleranz und Verständnis an, für alle Formen von Zwangsstörungen, jenseits der bekannten Varianten Ordnungswahn und Putzfimmel.

Mit der entwaffenden Mischung aus Wahrhaftigkeit und Witz gelingt der Serie "Pure" ein starkes Statement. Das hat auch die Marnie-Darstellerin Charly Clive beeindruckt:

"Wenn man diese Art der Zwangsvorstellung, 'Pure O' hat, dann tauchen die übergriffigen Gedanken so häufig auf, dass man nicht mehr weiß, ob man es nicht wirklich tun möchte. Für die Betroffenen ist es schwer, sich von den eigenen Gedanken abzugrenzen. Darum geht es in der Serie: diese Gedanken sind nicht das, was du bist und solche Ängste sind etwas, worüber man sprechen können muss!"

Berührendes und komisches Coming of Age

Die entwaffnende Offenheit, mit der sich Marnie ihr Coming of Age erobert, ist etwas Kostbares, erst recht in unseren oft recht oberflächlichen Zeiten. Man darf ziemlich sicher sein, dass aus den meisten von Marnies Zufallsbekanntschaften Freundschaften fürs Leben werden. Als Zuschauer wäre man gerne dabei gewesen, doch leider wird es wohl bei den sechs Folgen der ersten Staffel bleiben.

Nach dem Deutschland-Start auf dem Bezahlsender Joyn ist die Serie seit einigen Tagen und noch bis zum 23. Mai als FreeTV-Premiere synchronisiert und im Original, mit oder ohne Untertitel in der ZDF-Mediathek verfügbar.

Anke Sterneborg, rbbKultur

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