We are who we are © dpa/Yannis Drakoulidis/HBO/Everett Collection
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Coming of Age-Serie - "We Are Who We Are"

Bewertung:

Der Italiener Luca Guadagnino ist ein Regisseur, der in besonderer Weise von Gefühlen erzählt, sei es die Achterbahnfahrt eines Alkoholtrips in "I am Love" mit Tilda Swinton oder das flirrende Sommergefühl einer ersten Liebe in Italien in dem Oscar-Film "Call Me by Your Name". Jetzt hat er zum ersten Mal eine Fernsehserie inszeniert.

In den acht knapp einstündigen Folgen von "We Are Who We Are", produziert für den Bezahlsender Starzplay, geht es wieder um die Reibung zwischen amerikanischer und italienischer Kultur, diesmal in einer amerikanischen Militärbasis in der Nähe von Venedig.

Ein Stück Einheits-Amerika mitten in Italien

Fraser ist ein trotziger Teenager, der es blöd findet, dass er aus New York in die italienische Provinz ziehen soll. Seine Mutter (Chloë Sevigny) und ihre Frau wurden als Mitglieder einer amerikanischen Militäreinheit nach Italien versetzt, von hier aus ziehen die US-Truppen nach Afghanistan los.

Die Kaserne mit ihren Fertighäusern, Übungsplätzen, Schuleinrichtungen, Verwaltungsgebäuden und Einkaufszentren ist ein Stück anonymes Einheits-Amerika, ein Ort in Italien, dem auf den ersten Blick jedes mediterrane Flair fehlt. Fraser ist trotzig, aber auch neugierig und wachsam, besonders fasziniert ist er von der Nachbarstochter und Schulkameradin Caitlin.

Flimmerzustände des Lebens

Jung sein, auf der Suche, nach dem eigenen Platz, der eigenen Identität, davon erzählte auch schon der Film "Call Me by Your Name" auf wunderbare Weise. Schon da bewies Luca Guadagnino ein besonderes Gespür für die Flimmerzustände des Lebens, in denen alles noch aufregend und in alle Richtungen offen ist, das Spiel mit Geschlechteridentitäten, die erste Liebe, die ersten Alkohol- und Drogenerfahrungen.

Caitlin flirtet mit einer Existenz als Junge, in weiten Klamotten, die ihren Körper schlaksig verstecken, mit aufgeklebtem Schnauzer-Flaum und kurz rasierten Haaren. Fraser frotzelt: "Denkst du, männlich sein bedeutet schießen zu können, im Stehen zu pinkeln und seltsames Haar im Gesicht zu haben?"

Fluide Geschlechteridentitäten

Auch ihren Look kritisiert er, das sei fast fashion, wohingegen er nach Klamotten suche, die etwas bedeuten. Das kann eine gelbschwarze Teddyjacke sein, ein schwarzer Rock, eine abgeschnittene Nadelstreifenhose, dazu abwechselnd rot und schwarz lackierte Fingernägel und das rausgewachsene Blond der struppigen Haare. Die Kostümbildnerin Giulia Piersanti hat einen faszinierenden Look für Fraser komponiert, der viel über seine Eigenwilligkeit, seine Experimentierfreude, aber auch seine Empfindsamkeit erzählt.

Auch für seine Mutter, die eine Frau geheiratet hat, ist es kompliziert und anstrengend, Mutter und Vater zugleich zu sein. Alles ist auf wunderbare Weise fluide in diesem Film - Chloë Sevigny, die entschlossen und aufrecht auftritt in der Militäruniform, als neuer Commander in der Base mit zackigem Haarschnitt und forderndem Blick, die aber auch ganz weich und sanft sein kann und einen heftigen Flirt mit ihrem Assistenten hat, den auch Fraser faszinierend findet.

Nicht nur die Kids probieren hier alles Mögliche aus, sondern auch die Erwachsenen. Allen voran der Regisseur: "Ich denke, dass man in dieser Serie in die Identität dieser Menschen, von denen ich so gerne erzähle. Für die Zuschauer ist das fast wie ein Rausch."

Vibrierende Wahrhaftigkeit

Liebe kann überall hinfallen. Die Musik versetzt die Gefühle in Schwingung, die Kamera nimmt sie seismografisch ab, von den tollen, frischen, nahezu ungeschminkten Gesichtern - darunter viele Entdeckungen, ganz besonders Jack Dylan Grazer, der als Fraser linkisch schlenkernd geht, immer zugleich entschlossen, wachsam, klug und aufmüpfig ist: "Sei aufmerksam und entdecke das wahre Leben! In deinem Innern tobt eine Revolution!" ruft er in die Welt.

Anke Sterneborg, rbbKultur

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