A Sun – mit Chen Yi-wen und Liu Kuan-Ting; © dpa/Netflix/Everett Collection
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Familiendrama - "A Sun"

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Zwei junge Männer brettern auf einem Moped durch die Stadt, es regnet in Strömen, es ist Nacht. Sie halten an, betreten durch den Hintereingang eine Großküche. Und hier geschieht in Sekundenschnelle ein grausames Attentat. Einer der beiden Motorradfahrer zieht eine Axt hervor und hackt einem jungen Mann aus der Küche die Hand ab – die fliegt durch den Raum und versinkt langsam im Suppentopf ... Wer denkt, es handelt sich hier um ein "Splattermovie", liegt falsch.

Nach diesem drastischen Einstieg entwickelt sich "A Sun" zu einem sehr subtilen Familiendrama, durchaus mit Krimielementen, die die Handlung vorantreiben.

Im Kern aber geht um eine Mittelschicht-Familie im modernen Taipeh, Vater, Mutter, zwei erwachsenen Söhne: eine Familie, die gerade dabei ist, hoffnungslos auseinander zu driften. Und es geht um die Anstrengungen jedes einzelnen, diese Familie zu erhalten.

Familiendrama

Die zentrale Figur ist der Vater: ein Fahrlehrer, zutiefst frustriert und genervt von seinen unfähigen Schülern. Enttäuscht vom Leben und vor allem von seinen beiden Söhnen. Den jüngsten, der nach dem "Vorfall mit der abgehackten Hand im Suppentopf" im Gefängnis sitzt, verleugnet er, verstößt er. Er habe nur einen Sohn, sagt er.

Das ist der Ältere, Anfang 20, ein kluger, liebenswerter und erfolgreicher Student, der nun, wo sein Bruder außer Reichweite ist, die ganze Last der väterlichen Erwartungen tragen muss. Und sich bis in die letzte tragische Konsequenz verweigern wird.

Und dann gibt es noch die Mutter, die auf sehr unkonventionellem Wege die Familie versucht zusammenzuhalten. Einmal klingelt es und die Freundin ihres jüngeren Sohnes – die sie vorher noch nie gesehen hatte – steht mit ihrer empörten Mutter da: das Mädchen ist schwanger. Sie nimmt sie einfach auf, bis ihr Sohn aus dem Gefängnis kommt. Der wird dann versuchen, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen: für Frau und Kind sorgen, drei Jobs gleichzeitig übernehmen, immer auf der Suche nach Anerkennung des Vaters – doch seine Vergangenheit als Krimineller wird ihn einholen. Davon erzählt der Film.

A Sun – mit Ko Shu-Chin und Chen Yi-wen; © dpa/Netflix/Everett Collection
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Das Verrückte: immer, wenn man denkt, verstanden zu haben, wie die Beziehungen funktionieren, geschieht etwas Neues, Unerwartetes - etwas, womit man nicht gerechnet hat. Dieser Film schleudert uns von einer Ecke in die andere. Witzig, tragisch, schrecklich, zärtlich – von allem etwas. Das ist schon faszinierend - auch, wie man dabei mitgeht und mitfühlt.

Regisseur Chung Mong-hong wahrt die Balance

Mong-hong aber hält Distanz zu seinen Figuren. Er hilft ihnen nicht. Raffiniert eingebaute Rückblenden erklären ein bisschen, auch warum diese tragische Familiensituation so festgefahren ist, denn niemand kann sich wirklich bewegen: ob aus finanziellen oder emotionalen Gründen. Und über allem schwebt die Frage, inwieweit jeder für sein Schicksal selbst verantwortlich ist.

Da ist dann die Erkenntnis, dass man wieder handlungsfähig wird, wenn man einen Schritt zurücktritt, aus der Distanz auf sein Leben schaut, tröstlich und hilfreich – und Trost kann jeder Einzelne hier gut gebrauchen.

Das Schöne ist, dass Chung Mong-hong trotz aller philosophischer Hintergedanken die Balance wahrt. Er bleibt auf dem Boden. Komödiantisches kommt nicht zu kurz, schwarzhumoriges auch nicht – dazu gehört auch das Spiel mit Gegensätzen visuell und akustisch, die kluge Montage. Das hat Reibung.

"Oscar"-Hoffnung

Für die Bilder übrigens ist auch Regisseur Mong-hong verantwortlich, der hier unter Pseudonym auch als Kameramann fungiert und wirklich genau weiß, was er will.

Das Branchenblatt "Variety" kürte "A Sun" zum besten Film des Jahres 2020, in Taiwan hat er schon den wichtigsten Preis des Landes gewonnen, den "Golden Horse". Jetzt darf er sich Hoffnung auf einen "Oscar" machen: als bester nicht englischsprachiger Film.

Christine Deggau, rbbKultur

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