Anne with an E – Amybeth McNulty und Dalila Bela; © Netflix/Courtesy Everett Collection
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Dramaserie - "Anne with an E"

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Kennen Sie Anne of Green Gables? Wenn nicht, wird es höchste Zeit! Erfunden wurde sie vor mehr als 100 Jahren von der Kanadierin Lucy Maud Montgomery, die schon früh über selbstbewusste und eigensinnige Mädchen und Frauen geschrieben hat. Ihre Romanreihe über das Coming of Age des Waisenkindes "Anne of Green Gables" wurde ab 1908 in Kanada veröffentlicht und schon mehrfach für TV und Kino adaptiert. Für Netflix hat Moira Walley-Beckett den Stoff neu aufgelegt.

"Ein Jahrhundert voraus" lautet ausgesprochen treffend der Song unter den romantischen Bildern der Titelsequenz - mit verwelktem Laub, flatternden Schmetterlingen, bunten Waldvögeln, bizarren Ästen und lieblichen Blumengirlanden.

Ziselierte Sprachkunst

Die 13-jährige Vollwaise Anne setzt große Hoffnungen darauf, bei den Geschwistern Marilla und Matthew Cuthbert auf der idyllischen Insel Prince Edward Island endlich ein Zuhause zu finden. Schon in der Kutsche auf der Fahrt nach Green Gables kommt sie hemmungslos ins Schwärmen, in blumigen Worten, die immer ein bisschen zu hochtrabend sind für ein 13-jähriges Gör:

"Ich werde ausgelacht, weil ich so große Worte benutze, aber es sind aufregende und anschauliche Worte, wie 'entrückt' oder 'glorreich'!'" Ja, wenn man große Ideen hat, muss man große Worte verwenden, um sie auszudrücken, nicht wahr? Wie zum Beispiel: "Ich bin wonnetrunken von dieser grandiosen Landschaft!"

Vorfahrin von Pippi Langstrumpf

Mit großen, wachsamen, blauen Augen, keck abstehenden Ohren, vielen Sommersprossen und feuerroten Zöpfen wirkt der knochig dürre Wildfang wie eine Dickens‘sche Version von Pippi Langstrumpf - tatsächlich soll sich Astrid Lindgren von der literarischen Vorlage inspiriert haben lassen. Rein äußerlich wirkt Anne wie ein Kind des ausgehenden 19. Jahrhunderts, aber ihre Gedanken sind so frei und hochfliegend, dass sie die enge viktorianische Welt mit all ihren Regeln und Konventionen sprengt.

Das fängt schon damit an, dass sie überhaupt nicht einsieht, dass sie auf einer Farm nicht mindestens genauso nützlich sein könnte wie der Junge, den die Cuthberts eigentlich wollten, was man sich unbedingt im sehr viel charmanteren, englischen Original anhören sollte! Anne ist widerspenstig, meinungsstark und wild, und niemals niedlich oder angepasst und erobert die Herzen dennoch im Sturm. Mit ihrem frechen Esprit wirkt Amybeth McNulty sehr viel eigenwilliger als frühere Darstellerinnen.

Moderne Ideen in einer historischen Welt

Schon mehrfach wurden die bei uns wenig bekannten Geschichten für Film und Fernsehen adaptiert. Moira Walely-Beckett hat schon als Autorin von "Breaking Bad" einen besonderen Sinn für subversiv schwarzen Humor bewiesen. In ihrer Neuauflage des klassisch kanadischen Stoffes gelingt es ihr, moderne Ideen völlig glaubhaft in der historischen Welt eines Kostümdramas zu verwurzeln.

Um die Themen Rassismus und Homophobie zu schärfen, hat sie einige neue Figuren eingeführt: einen schwarzafrikanischen Einwanderer aus Trinidad und einen empfindsamen, schwulen Schuljungen. Außerdem hat sie den Tonfall insgesamt verdüstert, vor allem durch die immer wieder aufblitzenden Flashback-Erinnerungen an vergangenen Horror. Das Leid einer schweren Kindheit in Waisenhäusern und als unbezahlte Magd in Pflegefamilien hat Anne, die sich mit einem E schreibt, weil das eleganter klingt, früh reifen lassen.

Kämpferin für die Entrechteten

Aber Anne ist nicht nur dem eigenen Alter, sondern auch ihrer Zeit weit voraus. Ihr wichtigstes Werkzeug dabei ist ein ganz irdisch gesunder Menschenverstand, dazu Erkenntnisse, die sie aus der Weltliteratur bezieht und ihre immer wachsame Offenheit: Sie ist aus tiefstem Herzen romantisch, aber nicht um jeden Preis auf einen Mann fixiert: Lieber will sie "Braut des Abenteuers" werden und wenn man Karriere macht, kann man sich selber ein weißes Kleid kaufen und es tragen, wann immer man Lust dazu verspürt.

Es stört die temperamentvolle, leidenschaftliche und allzeit empathische Anne nicht, dass sie aneckt mit ihren fortschrittlichen Forderungen nach Gleichberechtigung für Männer und Frauen, Weiße und People of Color, seien es schwarzafrikanische Einwanderer oder indigene Ureinwohner, Schwule oder Lesben und mit ihrem Aktivismus gegen Diskriminierung und Mobbing.

Inspiration für Kinder und Erwachsene

Umso schöner ist es, dabei zuzuschauen, wie sich ihre Ideen und Überzeugungen ausbreiten so wie die Kreise um einen ins Wasser geworfenen Stein. Ausgehend von ihren Adoptiveltern öffnet Anne nach und nach, Folge für Folge die verhärteten Herzen der Dorfbewohner für neue Ideen - von der klatschsüchtigen Nachbarin über die mobbenden Schulkids und die besorgten Eltern der anderen Kinder bis zu den alten weißen Männern in der Bürgerversammlung.

Am Ende der dritten Staffel ist Anne 16 und beginnt einen neuen Lebensabschnitt. Gerne wäre man dabei, wie sie weiter reift und dabei die Welt um sich herum zum Besseren verändert. Doch die kanadische Produktionsgesellschaft hat die Serie eingestellt, weil sie fürchte, dass die Zusammenarbeit mit Netflix der kanadischen Filmwirtschaft schade, heißt es. Die Fans protestieren weltweit.

Die drei Staffeln der Serie sind auf Netflix zu sehen und auf DVD und Blu-ray bei Just Bridge Entertainment erhältlich.

Anke Sterneborg, rbbKultur

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