Black Jesus; © Filmwelt Verleih
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Dokumentation - "A Black Jesus"

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"Sie sehen aus wie in schwarze Tinte gefallene Männer". So beschreiben die alten Frauen die Afrikaner, die seit vielen Monaten in Siculiana, einem alten Örtchen auf Sizilien, leben. So unterschiedlich wie die Bewohner sind auch ihre Wünsche. Eines aber eint sie und das ist auch das Besondere in Siculiana: ihr Jesus in der kleinen Kirche im Ort. Er ist schwarz. Was zunächst aussieht, wie das das Portrait einer kleinen italienischen Stadt am Rande Europas, entpuppt sich zu einer fundamentalen Kritik am Umgang der Europäer mit Immigranten.

Siculiana ist ein kleines, viele Jahrhunderte altes Örtchen auf Sizilien in der Provinz Agrigent. Rund 3.000 Menschen leben hier normalerweise. Seit 2019 sind es fast 1.000 mehr, denn da kommen die Geflüchteten. Aus Pakistan, aus Afrika.

Geflüchtete

Sie leben in einem heruntergekommenen Hotel am Rande des Ortes: viele junge Männer, viele gerade mal 20 Jahre alt, ohne Perspektive, weil: ohne Papiere. 2019 regiert Matteo Salvini als Innenminister. Und macht lautstark Wind gegen alles Fremde, alles, was anders aussieht. Und so haben viele Siculianer Angst, wenn sie den dunklen Männern begegnen und wechseln die Straßenseite. Doch es gibt auch die anderen, sie bieten ihnen Süßigkeiten und Wasser an, bezeichnen sie als "Brüder".

Der Schwarze Jesus

Gesundheit, ein neues Handy, eine bessere Zukunft für die Jugend - so unterschiedlich wie die Bewohner sind auch ihre Wünsche. Eines aber eint sie und das ist auch das Besondere in Siculiana: ihr Jesus in der kleinen Kirche mitten im Ort. Er ist schwarz. Jedes Jahr am 3. Mai tragen die Männer ihn am Kruzifix in einer feierlichen Prozession durch die verwinkelten Gassen, der Höhepunkt des Jahres – wer hier mit anfassen darf, gehört dazu.

Vor einem Jahr kam Edward aus Ghana übers Meer nach Siculiana, dankbar diese Fahrt überlebt zu haben, dankbar, dass er hier sein darf. Zum Beten geht auch er in die Kirche zu dem Schwarzen Jesus. Wie kann es sein, fragt sich der 19-Jährige, dass die Menschen hier Angst vor mir haben, weil ich schwarz bin, aber einen schwarzen Jesus verehren? Und fasst einen Plan. Auch er möchte das Kreuz tragen. So könnten Afrikaner und Europäer eins werden, sagt Edward. Schließlich ist Jesus Christus für alle da.

Fundamentale Kritik am Umgang der Europäer mit Immigranten

Diese so naheliegende wie provozierende Forderung trifft den Kern des Films "A Black Jesus", dem sich der Regisseur zögerlich nähert. Man kann auch sagen: es dauert, bis klar wird, worum es in diesen 90 Minuten wirklich geht. Was zunächst aussieht, wie das das Portrait einer kleinen italienischen Stadt am Rande Europas, entpuppt sich zu einer fundamentalen Kritik am Umgang der Europäer mit Immigranten.

Da stellen Erwachsene im traditionellen Kirchenspiel unter Tränen nach, wie Josef und Maria Unterschlupf verweigert wird, und beklagen sich am nächsten Tag beim Friseur über die fremden Männer, die ihnen Arbeit wegnehmen. Doch viele Höfe mit angrenzendem brachliegendem Acker stehen leer und liegen verlassen da. Die Alten sind zu alt, die Jugend wandert ab, sucht nach neuen Perspektiven. Die jungen Afrikaner würden gerne hierbleiben und arbeiten. Sie aber müssen gehen.

Eine große historische Chance vertan

Siculiana auf Sizilien ist die Heimatstadt des Vaters von Luca Lucchesi, der mit "A Black Jesus" sein langes Regiedebüt vorlegt, das schon bei einigen Festivals mit großem Erfolg zu sehen war. Produziert hat diese Dokumentation Wim Wenders. Ihn habe ihn vor allem Lucchesis Entscheidung, seinen Film in Cinemascope zu drehen, beeindruckt – keine Selbstverständlichkeit für einen Dokumentarfilm. Doch selbstverständlich ist hier ohnehin gar nichts.

Diese kleinen Geschichten, die der in Berlin lebende italienische Regisseur in großen Bildern einfängt, machen deutlich: nicht nur hier in Siculiana auf Sizilien wurde eine große historische Chance vertan. Was bleibt, ist ein Traum:

Die Länder und Grenzen durcheinanderbringen, die Menschen durcheinanderbringen, dass sie nicht mehr wissen, ob sie schwarz oder weiß sind. Sondern nur Länder und Menschen. Ohne Namen.

Christine Deggau, rbbKultur

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