Electra Glide In Blue © picture alliance/ United Archives/ IFTN
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Spielfilm (1973) - "Electra Glide in Blue"

Bewertung:

"Electra Glide in Blue" ist ein Film aus der Zeit des New Hollywood-Kinos Anfang der 70er Jahre. Regie-Debütant James William Guercio erzählt die Geschichte über einen unterforderten Streifenpolizisten auf den Straßen von Arizona als Hybrid aus Neo-Western und Polizeifilm. Eine echte Wiederentdeckung, denn auch nach fast 50 Jahren überzeugt der Film noch immer durch seine großartigen Bilder.

Das Monument Valley an der Grenze zwischen Arizona und Utah: Motorrad-Cop John Winterberg (Robert Blake) und sein Kollege Zipper (Billy "Green" Bush) patrouillieren mit ihren Harley Davidson Electra Glides die scheinbar endlosen Highways in der Wüste. Ihr Alltag besteht aus Routine-Checks: Hier mal ein Strafzettel für einen Temposünder, dort mal eine Auseinandersetzung mit ein paar Hippies. Eigentlich ein lockerer Job, doch der ehrgeizige John ist damit nicht zufrieden: Er möchte unbedingt zur Kriminalpolizei: Raus aus der dicken Lederkluft, rein in den feinen Anzug - und endlich fürs Denken bezahlt werden.

Ein Mord als Chance

Als eines Tages ein alter Mann erschossen in seiner Hütte aufgefunden wird, sieht John seine Chance gekommen. Obwohl das Ganze zunächst nach einem Suizid aussieht, kann er nachweisen, dass es sich tatsächlich um Mord handelt. Aufgrund seiner guten Arbeit wird John zur Mordkommission versetzt, doch der neue Job sieht ganz anders aus als erträumt. Sein neuer Chef Harvey Poole (Mitchell Ryan) setzt ihn nur als Fahrer ein, die anderen Detectives machen sich über seinen Ehrgeiz und seine Körpergröße lustig - und als herauskommt, dass er mal eine Affäre hatte mit Pooles nymphomanischer Ehefrau (Elisha Cook Jr.), ist John den neuen Job ganz schnell wieder los.

Debutfilm für einen Dollar Gage

"Electra Glide in Blue" ist der Debutfilm von James William Guercio – ein Mann, der zuvor vor allem als Musikproduzent von Bands wie Chicago oder Blood, Sweat & Tears in Erscheinung getreten war. (Einige Mitglieder von Chicago tauchen in Nebenrollen in dem Film auf)

Guercio zahlte sich selbst für den Film nur einen Dollar Gage, um sich für das gesparte Geld einen guten Kameramann leisten zu können: Conrad Hall, einen der Besten in Hollywood. Doch die beiden konnten sich nicht auf ein Genre verständigen: Guercio wollte einen opulenten Western, Hall eher einen düsteren Film Noir: Und so ist "Electra Glide in Blue" am Ende ein merkwürdiger Zwitter geworden: ein Hybrid aus Polizeifilm und Neo-Western.

Das Ende des amerikanischen Traums

Interessant ist "Electra Glide in Blue" nicht nur durch seine spektakulären Bilder, sondern auch durch den Zeitkolorit. Schließlich war das New Hollywood Kino Anfang der 70er Jahre angetreten, um den gesellschaftlichen Wandel in den USA auf die Leinwand zu bringen. Der zu Ende gehende Vietnamkrieg steckt noch tief in den Köpfen der Protagonisten, gleichzeitig sehen sie das Ende des amerikanischen Traums kommen, der besagt, dass es jeder Mensch zu jeder Zeit in den USA zu etwas bringen kann, wenn er sich nur anstrengt.

Cops vs. Hippies

Eine große Rolle spielt in Guercios Film auch das Aufkommen der Flower Power-Bewegung. Die Hippies erschienen hier als die großen Gegner der Polizisten. Nicht zuletzt deshalb galt "Electra Glide in Blue" zum Zeitpunkt seines Erscheinens als "Anti-Easy Rider-Film" und Regisseur Guercio wurden gar faschistische Tendenzen unterstellt. (Es gibt eine Szene im Film, da schießt Johnny Winterberg beim Schießtraining nicht etwa auf eine Zielscheibe, sondern auf ein Filmplakat mit Peter Fonda und Dennis Hopper).

Wandlung vom Saulus zum Paulus

Am Ende allerdings wandelt sich das Blatt und Johnny Winterberg wird vom pedantischen Cop zum freiheitsliebenden Individualisten, der immer mehr Sympathien für die Hippies entwickelt. Auch wenn man diese Wandlung vom Saulus zum Paulus aufgrund des etwas erratischen Drehbuchs nicht immer nachvollziehen kann, so bleibt "Electra Glide in Blue" dennoch ein sehr sehenswerter Film, der mit großartigen Bildern aus der Wüste punktet und der die innere Zerstrittenheit und die Generationenkonflikte der USA in den 70er Jahren wiederspiegelt.

Der Film erscheint am 28.05. beim Filmverlag Camera Obscura als Blu-ray im Mediabook mit vielen Extras.

Carsten Beyer, rbbKultur