The Virtues – Filmstill; © arte
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Britische Serie auf arte.tv - "The Virtues"

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Bekannt geworden ist der britische Autor und Regisseur Shane Meadows vor allem mit seinem Kinofilm "This is England" über einen 12-jährigen Jungen, der sich einer Bande Skinheads anschließt. In der Miniserie "The Virtues" thematisiert Meadows einen besonders wunden, lange verdrängten Teil des eigenen Lebens. Die Serie ist Teil eines großen Online-Angebots britischer Serien auf Arte.

Nach einem harten Arbeitstag auf dem Bau macht sich Joe ein bisschen frisch und läuft dann quer durch Straßenzüge und Landschaften zum Abendessen bei Freunden. Denkt man zumindest. Doch dann beginnt man als Zuschauer die Schwingungen einer anderen Geschichte aufzunehmen.

Joe besucht hier seine Ex, am letzten Abend, bevor sie mit ihrem gemeinsamen Sohn und einem neuen Mann ans andere Ende der Welt, nach Australien ziehen wird. Auf dem Heimweg gibt er sich erst mal die Kante.

Dämonen der Vergangenheit

Auf das wilde Kneipengelage folgt der große Kater und Joe beschließt, sich den Dämonen seiner Vergangenheit zu stellen. Mit der Fähre setzt er nach Irland über, in seine alte Heimat. Lange läuft er übers Land, sanft getragen von der einfühlsamen Handkamera von Nick Gillespie und den melancholischen Klängen des Soundtracks, für den der Regisseur die Sängerin PJ Harvey gewinnen konnte.

Am nächsten Morgen liegt Joe dann wie ein Penner im Graben vor einem Provinzeinfamilienhaus. Es stellt sich heraus: Hier lebt seine Schwester, die er nach 30 Jahren zum ersten Mal wieder sieht.

Hoch emotional und tief ergreifend

"Warum weißt du wer ich bin?" fragt sie verwundert. "Erinnerst du dich nicht an mich? Ich bin’s, Joseph!"

Die aufwühlende Wiederbegegnung, das langsame sich Erkennen, ist die zweite emotionale Keule der Serie, auf die bis zum Ende noch viele weitere folgen werden. Als Kinder wurden Joe und Anna auseinandergerissen. Während das Mädchen in eine Pflegefamilie kam, musste der Junge in ein Kinderheim mit dem unheilverheißenden Namen "The Towers". Ganz langsam setzen sich aus Andeutungen und flüchtigen Flashback-Erinnerungen die Bruchstücke dieser Vergangenheit neu zusammen, deren Schatten schwer auf den Menschen lasten.

Die ganze Wahrheit kennt nicht mal Joe selber, weil er sie zum eigenen Schutz verdrängt hat: Als ihn ein neuer Arbeitskollege auf die gemeinsamen Kindheitserlebnisse anspricht, leugnet er brüsk: "Hör auf, mit meinem Kopf zu spielen, dem geht es nicht gut!" wehrt er ab "Dich kann ich da nicht drin gebrauchen!"

Spülstein-Wahrhaftigkeit

Meadows steht in der Tradition der britischen Kitchen Sink-Filme der Sechziger Jahre, die sogenannten Spülsteinfilme, die ungeschönte Geschichten aus dem Alltag der Arbeiterklasse erzählten. Nicht alles, was in der Serie geschieht, hat Shane Meadows selber erlebt: "Die Idee war, die Aufmerksamkeit auf Ereignisse lenken, die ich als Kind beobachtet hatte. Mir wurde klar, dass wie an vielen Orten der Welt auch Irland Probleme damit hatte, Kinder in Heimen gut zu behandeln."

Im Kreislauf der Gewalt werden Opfer zu Tätern. Das ganze Ausmaß der Verletzungen durch Institutionen, aber auch durch Familienmitglieder, Freunde und Bekannte, lässt sich in Worten oft gar nicht fassen. Darum ist es vor allem das Schweigen, das hier erschütternde Abgründe aufreißt.

The Virtues – Filmstill; © arte

Umso beredter ist die Körpersprache. Stephen Graham und Helen Behan, die zu den Stammschauspielern des Regisseurs gehören, spielen die Geschwister so roh und wahrhaftig, als würden sie das alles gerade selber ganz unmittelbar erleben. Dasselbe gilt für die relative Neuentdeckung die relative Neuentdeckung Niamh Algar als Annas Schwägerin, die mit ihren eigenen Traumata zu kämpfen hat. Alle Schauspieler*innen sorgen dafür, dass man diesen Menschen herzzerreißend nah kommt.

Seine 4-teilige Miniserie hat Shane Meadows "The Virtues", die Tugenden, genannt, um daran zu erinnern, dass manche Menschen schon im Alltag enormes Heldentum aufbringen müssen

Anke Sterneborg, rbbKultur

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