Der Mauretanier – hier: Tahar Rahim (als Mohamedou Ould Slahi); © Tobis
Tobis
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Eröffnungsfilm des Berlinale Summer Specials - "Der Mauretanier"

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779 Gefangene wurden in der Folge der Anschläge von 9/11 auf dem berüchtigten amerikanischen Militärstützpunkt im kubanischen Guantanamo festgehalten, viele davon jahrelang ohne Anklage. So wie der Deutschtürke Murat Kurnaz hat auch der Mauretanier Mohamedou Ould Slahi einen Report über seine traumatischen Erlebnisse in Guantanamo geschrieben. Der Schotte Kevin Macdonald hat diese Geschichte verfilmt.

Kurz nach den Anschlägen auf das World Trade Center wird in Mauretanien ein Mann von zwei Polizisten aus einer Familienfeier geholt, für eine Befragung im Polzeirevier, heißt es. Von seiner Mutter verabschiedet er sich, als würde er gleich wieder zurückkommen: "Heb' mir was von der Tajine auf!", sagt er noch zu ihr. Es sind die letzten Worte, die die beiden wechseln werden. Danach wird Mohamedou Ould Slahi einige Monate in Jordanien festgehalten, später nach Afghanistan und schließlich nach Guantanamo verschleppt.

Rache um jeden Preis

Nach diesem Vorspiel klinkt sich der Film fünf Jahre später wieder in Slahis Schicksal ein. Der Militär-Staatsanwalt Stuart Couch (Benedict Cumberbatch) soll ein schnelles, hartes Urteil herbeiführen. Ganz bewusst wurde er ausgewählt, weil er durch die Anschläge von 9/11 persönlich betroffen war: "Mohamad Ould Slahi hat die Männer rekrutiert, die den Flieger ihres Freundes Bruce in den Südturm gelenkt haben", behaupten seine Vorgesetzten. "Unser Ziel ist die Todesstrafe, aber wenn wir etwas übersehen, dann wird er uns entwischen“, feuert Couch daraufhin seine Mitarbeiter an.

Entsprechend unversöhnlich reagiert Couch auf die Anwältin Nancy Hollander, die Slahi pro bono vertreten will: "Stört es Sie überhaupt nicht, so jemanden zu verteidigen?", fragt er ungläubig und sie kontert: "Neben ihm verteidige ich dabei auch den Rechtsstaat! Die amerikanische Regierung hält mehr als 700 Gefangene in Guantanamo fest. Seit wann sperrt man in diesem Land Leute ohne Prozess ein? Er wurde immer wieder verhört und man hält ihn seit sechs Jahren fest, ohne eine einzige Anklage zu erheben!“

Der Mauretanier – hier: Jodie Foster (als Nancy Hollander); © Tobis
Bild: Tobis

Rekonstruktion eines konkreten Falls mit universeller Tragweite

Spätestens seit den Skandal-Fotos von Abu Ghraib sind die Missstände in amerikanischen Foltergefängnissen weltweit bekannt. "Der Mauritanier" ist ein Politthriller, der keine Geheimnisse aufdeckt und keine wirklich neue Geschichte erzählt. Und doch geht es um mehr, als einfach nur die Rekonstruktion eines Falls, wie Jodie Foster erzählt, die im Film die resolute Anwältin mit silbergrauen Haaren spielt:

"Von Mohamedous Geschichte können wir sehr viel lernen, über Demut und Menschlichkeit, aber auch über Vergebung und den menschlichen Geist. Die amerikanische Seele wurde in der Ära von 9/11 und Guantanamo von Angst vereinnahmt. Wir haben außenpolitische Entscheidungen aus der Angst heraus getroffen, statt uns an die Gesetze und Regeln zu halten!“

Konkret bedeutet das, dass nicht nur die Anwälte, sondern auch der Ankläger beim Versuch, die Ereignisse zu rekonstruieren, auf zum Teil aberwitzige Widerstände stoßen: Sie bekommen Abschriften der Verhöre, die zu weiten Teilen völlig geschwärzt sind.

Wachsame Beobachtung statt fordernder Inszenierung

Der schottische Regisseur Kevin Macdonald ist ein Grenzgänger zwischen Dokumentation und Fiktion mit einem besonderen Interesse für brisante, politische Konstellationen. So erzählte er in "The Last King of Scotland" von einem jungen britischen Arzt und seinen Verstrickungen mit der Macht des Diktators Idi Amin. Einen Oscar bekam er für seine Dokumentation "One Day in September" über die Anschläge auf die israelischen Sportler der Olympiade von 1972. Der dokumentarische Blick prägt auch seine Spielfilme, wie Jodie Foster begeistert erläutert:

"Ich fand es wirklich faszinierend, zu sehen, wie bei ihm die dokumentarische Sensibilität durchschlägt. Er ist neugierig und wachsam und geht sehr instinktiv ans Filmemachen heran. Ihm geht es nicht darum, zu kontrollieren und zu formen. Stattdessen beobachtet er, sieht, was im Raum und zwischen den Schauspielern passiert und achtet darauf, es einzufangen.“

Schauspieler als Special Effect

So werden die großartigen Schauspieler zum Special Effect eines ansonsten weitgehend ruhig erzählten Thrillers. Neben Stars wie Jodie Foster und Benedict Cumberbatch gilt das insbesondere für Tahar Rahim, der mit seiner zurückhaltenden Intensität die Würde des Titelhelden auch noch in den würdelosesten Momenten bewahrt.

"Ich bin hier schon viele Jahre und immer hieß es, du bist schuldig", sagt er ruhig: "Nicht für eine bewiesene Tat, sondern wegen irgendwelcher Verdächtigungen und Verbindungen. Ich bin unschuldig!“

Nur moderat setzt der Regisseur filmische Stilmittel ein, alptraumhaft aufblitzende Erinnerungssplitter an die Foltererlebnisse und klaustrophobische Verengungen des Bildformats. Und die unheilschwangeren Stimmungen des Soundtracks.

"Der Mauritanier" von Kevin Macdonald eröffnet die Sommer-Berlinale und wird danach in den Kinos zu sehen sein.

Anke Sterneborg, rbbKultur

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