Der Rausch © pa/dpa/EFA/Henrik Ohsten
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Drama - "Der Rausch"

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Vier europäische Filmpreise, einen Oscar für den Besten Film, eine Nominierung für die Beste Regie: Thomas Vinterbergs Alkohol-Drama "Der Rausch" hat schon eines an Lob und Ehr erfahren, bevor er jetzt zu uns in die Kinos kommt.

Vier Freunde, vier Männer, Mitte, Ende vierzig. Sie haben Familie, Häuser, einen guten Job als Lehrer in einer dänischen Kleinstadt. Ihre Leben laufen in geordneten Bahnen. Sorgen machen sich die Freunde um Martin, gespielt von Mads Mikkelsen. Martin hat unübersehbare Probleme: die Schüler beschweren sich über seinen trägen Unterricht, er hat sich von seiner Frau entfremdet, den Glauben an sich verloren und keine Kraft, etwas zu verändern. Dann bei einer Geburtstagsfeier diese Geschichte:

"Es gibt da diesen norwegischen Philosophen, hört mal zu: Der Mann hält es für sehr vernünftig, zu trinken."

"Ach ja? Auch wenn man Auto fährt? "

"Die ganze Zeit. Er sagt, die Menschen haben 0.5 Promille zu wenig Blutalkohol. Nur um mal klarzustellen: Wieviel sind 0.5 %? – das sind etwa 1 bis 2 Gläser. Und dann muss man dieses Level natürlich halten."

Kultiviert trinken - wissenschaftlich untermauert

Da ist sie, die Idee, die wieder Schwung in die festgefahrenen Leben bringen kann: Trinken. Kultiviert. Wissenschaftlich untermauert. Und nach festen Regeln: nur während der Arbeitszeit und nicht nach 20 Uhr. Was sich anlässt wie eine harmlose Spinnerei, treibt bald absurde Blüten.

Vor allem für Martin, dessen körperliche Anspannung alles abzuschnüren scheint, der nicht aus seiner Haut kann, sich nicht mehr zu wehren weiß – weder gegen die fordernden Schüler und Eltern, noch gegen die resignierte Erwartungshaltung seiner Frau. Für ihn scheint dieses Experiment die Lösung. Durch den Alkohol erwacht Martin, findet neues Selbstbewusstsein. Nachdem er ein paar Schlucke aus der Flasche genommen hat, läuft er wieder zu Hochform auf. Und seinen Freunden geht es nicht anders. Niemand ahnt von ihrem Treiben. Nicht die Kolleg*innen, nicht die Direktorin.

"Hat jemand zufällig Schüler beobachtet, die während der Schulzeit trinken? Es sind ein paar Flaschen im Geräteraum gefunden worden. Nein? Ich gehe davon aus, dass hier niemand ein Problem hat, von dem ich wissen sollte."

Männer in der Midlife-Crisis auf der Suche nach einem Neuanfang

Es geht um fehlendes männliches Selbstbewusstsein, um Selbstzweifel, um die Leere, den alltäglichen Trott und die Hoffnung: da muss doch noch was sein. Vielleicht kann man einfach sagen: vier Männer in der Midlife-Crisis auf der Suche nach einem Neuanfang. Und das, ohne sich allzu weit vor wagen zu wollen.

Berührende Szenen

Dass Vinterberg, der auch das Drehbuch geschrieben hat, hier die Volksdroge Nummer Eins als lösendes, vielmehr: erlösendes Moment beschreibt, mag befremden – es ist doch konsequent. Und unglaublich traurig. Denn diese Männer vertrauen dem Alkohol, nicht aber den kleinen Gesten, sie erkennen sie nicht. Wenn der sechsjährige Schüler im Sportunterricht seine Hand in die seines Lehrers legt – dann ist alles da: Vertrauen und Zukunft. Wenn seine Frau Martin in den Arm nimmt, ist auch das ein Angebot, es doch noch einmal zu versuchen. Vor allem diese Szenen sind berührend und bergen das ganze Dilemma: den langsamen Absturz der vier Freunde, ihren Weg zurück in die vermeintliche Freiheit.

"Es ist unwahrscheinlich, dass wir alle gleich auf den gleichen Promillewert reagieren. Oder?"

"Trinken wir einen und finden es heraus!"

"Sind wir nun Alkoholiker oder nicht?"

"Wir sind keine Alkoholiker, noch lange nicht! Wir entscheiden, wann wir Alkohol trinken, ein Alkoholiker kann das nicht mehr."

Zurückhaltende Sympathie

Mit zurückhaltender Sympathie für seine Protagonisten zeigt Vinterberg, wie die selbst gewählte Sucht sie tatsächlich zu neuen Höhenflügen inspiriert. Wie Mads Mikkelsen sich langsam aus seiner Versteinerung löst, wieder lächelt, wieder tanzt - das ist wunderbar anzusehen. Die Handkamera im beglückenden Taumel des Rausches, spart die Fragilität dieses Zustands nicht aus, während die Notation ihrer Promillewerte vordergründig den Charakter einer wissenschaftlichen Studie wahren.

Vinterberg verweigert sich einer Wertung

Vor 25 Jahren übrigens unterwarf Vinterberg sich selbst einem künstlerischen Experiment, als er gemeinsam mit Lars von Trier die "Dogma-Bewegung" begründete: strikte Regeln aufstellte, die Regisseure zu befolgen hatten. Den Anfang machte Vinterbergs "Das Fest", von dessen mutiger und selbstbewussten Kreativität sich auch der europäische Film inspirieren ließ. Daran erinnert die Idee von "Der Rausch": In der Begrenzung neue gedankliche Weite zu finden.

Einer Wertung aber verweigert sich der Regisseur hier, er erzählt eher nüchtern von diesem Experiment, das gleichermaßen abschreckt wie fasziniert.

Der reguläre Filmstart von "Der Rausch" ist für Mitte Juli geplant, doch wer so lange nicht warten möchte, kann den Film jetzt in einigen Open Air-Kinos anschauen.

Christine Deggau, rbbKultur

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