Nomadland © picture alliance/ Searchlight Pictures / courtesy Everett Collection
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Film - "Nomadland"

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Im April hat "Nomadland" Oscar-Geschichte geschrieben: Erst zum zweiten Mal in der 93-jährigen Geschichte der Oscars gingen die beiden Königskategorien "Bester Film" und "Beste Regie" an eine Frau, und mit Chloé Zhao wurde dann auch noch zum allerersten Mal eine Frau asiatischer Abstammung ausgezeichnet.

"Nomadland" basiert auf dem gleichnamigen Sachbuch von Jessica Bruder, einer Journalistin, die sich drei Jahre unter die fahrenden Amerikaner gemischt hat, um von ihrem Leben am Rande der Gesellschaft zu erzählen. Jetzt kommt "Nomadland" endlich auch in unsere Kinos.

Reisen durch Raum und Zeit

Fern ist um die 60, in der großen Depression des 21. Jahrhunderts hat sie ihren Mann, ihre Arbeit und ihr Haus verloren. Das Nötigste hat sie in ein umgebautes Wohnmobil gepackt und reist mit den anderen Nomaden durch Raum und Zeit, durch South Dakota, Nevada, Kalifornien, Arizona und Nebraska und zugleich auch durch die Jahreszeiten. Ihre Mutter habe ihr gesagt, sie sei obdachlos, spricht ein junges Mädchen Fern einmal an, ob das stimme? Nein, sie sei nicht obdachlos, sondern nur "hauslos", das sei doch nicht dasselbe, oder?

Nomadland © picture alliance/ Searchlight Pictures / courtesy Everett Collection
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Freiheit und Unabhängigkeit

Die Entscheidung, auf einen festen Wohnsitz zu verzichten, mag aus wirtschaftlicher Not geboren sein, doch irgendwann wird das Leben ohne feste Wurzeln auch zum Freiheitsversprechen. Die titelgebenden Nomaden ziehen ein Netz über das Land, immer wieder verabschieden sie sich, bis sich ihre Wege irgendwann wieder kreuzen. Die lockere Gemeinschaft der Gleichgebeutelten und Gleichgesinnten wird zur Ersatzfamilie, in der die Nomaden genauso aufgehoben sind, wie in den Landschaften, die sie durchstreifen.

Fern schlägt sich mit Saisonarbeit und Gelegenheitsjobs durch, hier ein paar Wochen bei Amazon, dort bei der Ernte, oder auf einem Campingplatz. Als die Frau von der Jobvermittlung ihr vorschlägt, früher in Rente zu gehen, lehnt sie entschieden ab: "Ich brauche Arbeit! Mir gefällt es, zu arbeiten!"

Ein zärtlicher Blick auf die Außenseiter der Gesellschaft

Die mit drei Oscars – einer davon für "Nomadland" – ausgezeichnete Frances McDormand scheint Fern gar nicht zu spielen. Inmitten der vielen echten Wohn-Nomaden hat sie sich ganz authentisch selbst in eine verwandelt. Chloé Zhao arbeitet gerne mit Laiendarstellern, die ihre eigenen Lebenserfahrungen in die fiktiven Geschichten tragen. Und umgekehrt fließt auch die Lebensgeschichte von Frances McDormand in die Erzählung, zum Beispiel mit den alten Fotos, die ihren eigenen Vater zeigen.

Chloe Zhao ist in Peking geboren und in China, England und Amerika aufgewachsen, das Gefühl, nicht dazuzugehören, ist ihr wohl vertraut. Auch darum erzählt die Autorenfilmerin so zärtlich von den Unsicherheiten eines Lebens am Rande der Gesellschaft. Ihr Blick für Menschen in schwierigen Lebensumständen ist wachsam, aber nie zudringlich. Diskret, aber nie distanziert.

Dokumentarisch wahrhaftig und zugleich reine Kinomagie: "Die unendliche Weite und Schönheit des amerikanischen Westens hat viele Generationen inspiriert", sagt Chloe Zhao. "Davon wollten wir erzählen. Doch Filme über Menschen, die an den Rändern der Gesellschaft leben, haben oft einen sehr harten, journalistischen Blick. Mir war sehr wichtig, diese Nomaden mit einer filmischen Linse einzufangen, damit wirklich verständlich wird, warum sie sich für dieses Leben entschieden haben."

Große Mythen des amerikanischen Westens in neuer Färbung

Ein wenig erinnern die Nomaden an die Pioniere, die einst in Planwagen durchs Land zogen. Chloe Zhao feiert die großen Mythen des amerikanischen Westens, und entzaubert sie zugleich, in einer besonderen Mischung aus dokumentarischer Wahrhaftigkeit und karger Schönheit, die schon ihre ersten beiden Filme geprägt haben, "Songs My Brothers Taught Me", über die entwurzelten Lakota-Indianer im Reservat und "The Rider" über einen versehrten Rodeo-Cowboy. So wie dort lässt sie auch in "Nomadland" eine Ökonomie des Erzählens walten, die sich kaum auf Worte verlässt, die lieber dem Blick in Gesichter und Landschaften vertraut.

Zusammen mit ihrem Stammkameramann Joshua James Richards ringt sie den kargen Szenerien eine Schönheit ab, die nicht viel braucht, um zu leuchten: Das Glühen roter Bremslichter oder einfacher Neonreklamen in der Nacht. Das Wiegen der Steppengräser im Wind. Das abendliche Sonnenlicht auf den Gesichtern.

Anke Sterneborg, rbbKultur