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Berlinale - "Nous": Preisgekrönte Dokumentation

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Als die französische Filmemacherin Alice Diop im März von Berlinale-Chef Carlo Chatrian die frohe Botschaft überbracht bekam, dass ihr Film "Nous" als bester Film der Reihe "Encounters" ausgezeichnet wurde, war sie aus dem Häuschen vor Freude. Nun kam auch noch der vom rbb ausgelobte Dokumentarfilmpreis hinzu.

Ein Mann und zwei Kinder, regungslos stehen sie da, ihre Blicke in die Tiefe des Waldes versenkt. Ein Hirsch. Irgendwo. Man hört sein brünstiges Geschrei, tief röhrt er – doch bleibt sein Rufen unerwidert, das Tier unsichtbar. Wer weiß, vielleicht beobachtet der Hirsch seine Beobachter - so wie sie ihn.

Eine Zugfahrt von Nord nach Süd. Tag für Tag. Nacht für Nacht

Cut. Eine große Stadt bei Nacht, Eisenbahngleise, Autos, verlassene Straßen. Ein Zug durchquert die Dunkelheit.

Wir sind in Paris. Der Zug RER B fährt von Nord nach Süd, fährt durch die Randgebiete, die Banlieues, holt Menschen ab und bringt sie wieder zurück. Tag für Tag. Nacht für Nacht. Männer und Frauen. Jugendliche. Kinder. Viele People of Color.

Ein Mann in einem Café, man hört Stimmen, Gelächter, nahe ist die Kamera auf seinem dunklen Gesicht. Er trinkt einen Espresso aus einem kleinen weißen Plastikbecher, schaut unruhig um sich, man spürt seine Fremdheit. Er gehört nicht dazu.

Ein Mann repariert ein Auto, minutenlang sehen wir zu, wie er schraubt, Teile austauscht. Selbstgespräche führt, telefoniert. Seinen Arbeitstag beendet. Der Mann kommt aus Mali und lebt seit über 20 Jahren in Frankreich.

Hier sei er nur als Arbeitskraft gefragt, erzählt er seiner Mutter am Telefon, die er nie wieder gesehen hat, er selbst als Mensch interessiere nicht, so wenig wie sein Wunsch, dazuzugehören.

Afrikanisch-stämmige Jugendliche sitzen im Schatten eines Baumes, singen zu Édith Piaf.

Da ist der Wunsch der zweiten Generation von Migrantinnen, ein eigenes Leben zu führen. In der Fremde, die zur Heimat wurde.

"Ich war ungefähr 20 Jahre alt, als mein Vater mir erklärte, ich müsse nun selbst für meinen Lebensunterhalt aufkommen. An diesem Tag sagte ich ihm, dass ich nicht in Senegal begraben werden will, sondern dort, wo meine Kinder eines Tages leben werden. Er antwortete nicht."

Momentaufnahmen

Unzählige solcher Momentaufnahmen sammelt die französische Dokumentarfilmerin Alice Diop entlang der Strecke des RER. Sie spricht mit Menschen, die ihr begegnen, begleitet sie auch mal nach Hause, schaut sich alte Videoaufnahmen der Familien an. Sammelt Erinnerungen und reiht sie aneinander.

Inspiration war ihr das Buch "Roissy Express" des Schriftstellers François Maspero: 1994 lief er einen Tag lang die Strecke des RER B ab, durchquerte die Vororte von Paris, schrieb auf, was er sah und hörte. Alice Diop, 1979 in Paris geboren, hätte Maspero damals begegnen können, denn auch sie kommt aus den Banlieues. Nun wandert sie auf seinen Spuren – mit der Kamera. Zurückhaltend und offen für jeden, den sie trifft.

Wer ist das: "Wir"?

Und auch über ihr eigene Biografie spricht Alice Diop, interviewt ihren Vater, erzählt von früher. Auch ihre Geschichte ist nur eine von vielen - die mal mehr, mal weniger berühren. Es sind zu viele. Das ist die verzeihliche Schwäche dieser sehr schön gefilmten Dokumentation: alles erzählen zu wollen, jedem gerecht zu werden.

Doch indem die Filmemacherin all denen zuhört, die sonst unsichtbar sind, stellt sie auch die Frage nach dem "Nous", dem "Wir". Wer ist das: "Wir"? Diop hinterfragt die Selbstverständlichkeit des Pronomens und setzt es neu zusammen. Wir, so sagt sie, entsteht, wenn das Ich sich öffnet.

"Wir" meint nicht "meine Leute" oder jeder, der so ist wie ich. "Wir" meint jeden, der sich an diesem Gefühl beteiligt. Wenn man sagt, man gehört dazu, wird die Stärke des "Wir" spürbar.

Diop beschreibt Frankreich als ein Land, das nicht erst seit den Attentaten 2015, sondern schon viel früher auseinandergedriftet ist. Dem ein neues WIR-Gefühl helfen kann, sich neu zu finden.

Christine Deggau, rbbKultur

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