Vor mir der Süden © 2021 Neue Visionen
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Dokumentation - "Vor mir der Süden"

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Pier Paolo Pasolini war einer der wichtigsten Intellektuellen Italiens im 20. Jahrhundert: Dichter, Filmemacher, Maler und Kommunist – ein Mann, dessen Werk bis heute nachwirkt. Ende der 50er Jahre hat sich Pasolini in einem alten Fiat Millecento auf den Weg gemacht, um die italienische Halbinsel einmal zu umrunden und eine Art Sittengemälde seiner Heimat zu erstellen. Diese Fahrt wird nun zum Ausgangspunkt des Films "Vor mir der Süden". Eine gelungene Mischung aus Dokumentarfilm und Roadmovie.

"Vor mir der Süden" ist eine essayistische Reise auf den Spuren eines großen Italieners. Keine klassische Reisedoku mit schönen Urlaubsbildern, Wellenrauschen und romantischer Musik - stattdessen hat sich der Dokumentarfilmer Pepe Danquart ganz sprichwörtlich auf die Spuren von Pasolini begeben.

Er hat sich ebenfalls einen Fiat Millecento besorgt, hat einen Übersetzer und einen Kameramann eingepackt und ist dessen Fahrtroute von damals 60 Jahre später noch einmal abgefahren.

Tagebuch im Gepäck

Mit im Gepäck hatte Danquart nur einige Filmausschnitte in Schwarzweiß, ein paar alte Fotos von Pasolini und das Reisetagebuch, in dem der Italiener seine Gedanken und seine Beobachtungen festgehalten hat. Diese Tagebuch - gelesen von Ulrich Tukur - wird zum unsichtbaren Reiseleiter: Von Ventimiglia nach Ostia, den Ort, an dem Pasolini 1975 ermordet wurde, über Neapel weiter nach Sizilien und schließlich an der Adriaküste zurück nach Norden, bis wir hinter Triest die kroatische Grenze erreichen.

Ein Poet und Visionär

Dabei geht es Pepe Danquart vor allem darum, den Visionär Pasolini zu zeigen, einen Mann, dessen Beobachtungen heute noch zutreffen. Als dieser seine Reise antritt, Ende der 50er Jahre, geht in Italien die Nachkriegszeit zu Ende. Der Beginn eines zaghaften Aufschwungs bringt manche Verbesserung, gleichzeitig sorgt die Modernisierung aber auch dafür, dass sich die bestehenden Ungleichheiten im Land weiter verstärken: Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer – und der italienische Süden, immer schon ein Sorgenkind, wird noch weiter abgehängt.

Ganze Landstriche sind regelrecht entvölkert

Diese Entwicklung – von Pasolini bereits in den 50er Jahren vorausgesehen – geht auch heute weiter. Je weiter Danquart und sein Kameramann Thomas Eirich-Schneider in den Süden vordringen, desto karger wird die Landschaft, desto ärmer werden auch die Leute. Südlich von Neapel sind ganze Landstriche regelrecht entvölkert – ohne Jobs, ohne Jugend, ohne Hoffnung. Nur die Alten leben noch hier und ein paar afrikanische Wanderarbeiter - Zielscheiben einer aufkeimenden Fremdenfeindlichkeit, die von Parteien wie der Lega Nord für ihre Zwecke instrumentalisiert wird.

Die Bilder sind das Highlight

Danquart zeigt kein Postkarten-Italien, sondern ein krisengeschütteltes, zerrissenes Land, das seit Jahrzehnten nicht mehr auf die Beine kommt. Was der Faschismus nicht geschafft hat, erledigt nun die Marktwirtschaft: Die Italiener stürzen sich auf den Konsum und vergessen ihre Traditionen. Egal, ob man nun jahrhunderte alte Städte sieht, hässliche Bettenburgen aus Beton oder eine Siedlung von afrikanischen Wanderarbeitern, die Bilder von Thomas Eirich-Schneider wirken oft wie sozialrealistische Gemälde, in denen die Menschen sich verlieren.

Interviews am Wegesrand

In Interviews, die Pepe Danquart quasi am Wegesrand geführt hat, kommen die unterschiedlichsten Menschen zu Wort: Ein umtriebiger Tourismus-Manager, ein frustrierter Fischer und eine Schauspielerin, die Pasolini noch persönlich gekannt hat. Besonders beeindruckend ist ein ehemaliger Hafenarbeiter in Genua, der ganze Textpassagen von Pasolini auswendig zitieren kann. Die Italiener sind stolz auf ihren großen Sohn, auch wenn dieser zu Lebzeiten – als Häretiker und bekennender Homosexueller – nicht überall gut gelitten war. Schön, dass dieser Film an ihn erinnert – mit Bildern, die lange im Kopf bleiben.

Carsten Beyer, rbbKultur