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Drama - "Home"

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Man kennt Franka Potente vor allem als Schauspielerin, als rennende Lola, die mit rotem Haarschopf durch Berlin flitzt, als Medizinstudentin im Horrorthriller "Anatomie" oder als Zufallsbekanntschaft des CIA-Agenten "Jason Bourne". Nachdem sie schon vor 15 Jahren mit dem kurzen Stummfilm "Der die Tollkirsche ausgräbt" ihr Regiedebüt vorgelegt hat, kommt jetzt mit "Home" ihr erster Langspielfilm in unsere Kinos.

"Home" ist eine internationale Produktion, das Drehbuch hat auch Franke Potente geschrieben, gedreht wurde in Kalifornien, prominent besetzt mit Oscar-Preisträgerin Kathy Bates und Jake McLaughlin.

Auf dem Skateboard zurück ins Leben

Als unbeschriebenes Blatt rollt Marvin in diesem Film durch die öde nordkalifornische Provinz - ein ernster, verschlossener Junge von knapp vierzig Jahren, mit Trainingsanzug und Skateboard, denen er eigentlich schon entwachsen ist. Er kauft einen Kaffee an einer Tankstelle, raucht eine Zigarette, lehnt das Sexangebot der Verkäuferin dankend ab. Er müsse weiter.

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Nach einer Weile kommt er an einem heruntergekommenen Haus mit abgeblätterter, verblichen hellblauer Farbe und viel Gerümpel im Garten an. Darin eine alte, gebrochene und kranke Frau mit langen, strähnigen, silbergrauen Haaren und müden Augen. Auf die Rückkehr ihres Sohnes nach sehr langer Zeit reagiert sie nicht sonderlich herzlich.

Mit langem, ruhigem Atem

Siebzehn Jahre war Marvin im Gefängnis, eine lange Zeit. Wie lang, merkt man auch daran, wie hilflos Marvin mit dem Handy seiner Mutter hantiert und daran, dass er von wichtigen Filmen und Serien der letzten beiden Jahrzehnte nie gehört hat.

Solche Beobachtungen sammelt Franka Potente ganz zurückhaltend und beiläufig, sie erzählt im besten Sinne amerikanisch, mit einem ruhigen Atem und eher in Bildern und Gesten als mit gesprochener Sprache. Nach dem stummen Erstlingsfilm spart sie auch hier mit Worten.

Nur langsam sickert die traumatische Vergangenheit durch: Vor siebzehn Jahren hat Marvin die Großmutter einer anderen Familie aus dem kleinen Ort brutal ermordet - warum, erfährt man nie. Und weil sonst im Kaff nicht viel passiert, ist die Rückkehr von Marvin das große Ereignis. Stoisch erträgt Marvin die verbalen und auch handgreiflichen Feindseligkeiten, die ihm überall geballt entgegenschlagen.

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Schuld und Vergebung, Annäherung und Abschied

Ganz unpathetisch geht es um Schuld und Vergebung. Nach siebzehn Jahren im Gefängnis muss Marvin auch zuhause noch Buße tun, auch seiner Mutter gegenüber, die als Angehörige eines Mörders gelitten hat, aber auch vor seinem damals besten Freund Wade, den Franka Potentes Ehemann Derek Richardson als ausgemergelten Junkie verkörpert:

"Vielleicht hätte ich etwas tun sollen. Ich stand nur da wie ein Idiot“, sinniert er. "Ich hab dich nicht aufgehalten, als sie dalag, das verdammte Blut überall. Warum hast du sie gekillt?"

Diese Antwort bleibt der Film klugerweise schuldig. Stattdessen geht es auch um Annäherung an die Enkelin des Opfers und um Abschied von der todkranken Mutter.

Melancholie und ein Schimmer von Hoffnung

Mit einfachsten Mitteln erzählt Franka Potente eine vielschichtige Geschichte von Heimkehr und Abschied, von Schuld und Versöhnung. Als Schauspielerin bringt sie ein feines Gespür für das Spiel ihrer Kollegen mit, die sich unter den ruhigen Blicken von Frank Griebes Kamera entfalten können - vor allem Jake McLaughlin, der neben dem schauspielerischen Schwergewicht von Kathy Bates die stärkste Kraft des Films ist. Allein im melancholisch ernsten Blick seiner Augen eröffnet sich das weite Feld vielschichtiger Gefühle von Schuld und Reue, Verlorenheit und Hoffnung auf eine zart keimende Liebesgeschichte.

Anke Sterneborg, rbbKultur

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