Judas and the Black Messiah – hier: Darrell Britt-Gibson als Bobby Rush, Daniel Kaluuya als Chairman Fred Hampton und Lakeith Stanfield als Bill O’Neal; © Warner Bros./Glen Wilson
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Biopic - "Judas and the Black Messiah"

Bewertung:

Ein paar Filme über Ikonen der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung wie Malcolm X, Martin Luther King oder Rosa Parks gibt es bereits. Aber wer kennt Fred Hampton? Er war eine charismatische Führungsfigur der Black Panther-Bewegung, 1969 wurde er mit nur 21 Jahren von einem Polizei- und FBI-Kommando in seiner Wohnung in Chicago im Schlaf hingerichtet. Shaka King hat die letzten Lebensmonate von Fred Hampton verfilmt.

"Judas and the Black Messiah" - der Titel verrät es schon - ist kein klassisches Biopic: Shaka King verzahnt die Aktionen der Black Panther-Bewegung mit denen des FBI:

"Die Black Panther sind die größte Bedrohung für unsere nationale Sicherheit", sagt FBI-Chef Edgar J. Hoover. "Unser Spionage-Abwehrprogramm muss den Aufstieg eines schwarzen Messias verhindern."

Black Panther-Anführer als Staatsfeind des weißen Amerika

Ähnlich wie heute in der Türkei, Russland oder China, wurden schon in den 60er Jahren in den USA Systemkritiker als Terroristen verfolgt.

Eine Schlüsselrolle im Fall Fred Hampton spielte der Informant William O’Neill, ein Kleinkrimineller, der nach einem Autodiebstahl vom FBI erpresserisch angeworben wurde. Während O’Neill mit seinem Verrat an der Bewegung hadert, mobilisiert Fred Hampton mit flammenden Reden und neuen Ideen immer mehr Menschen. Er setzt sich für Sozialarbeit ein und sorgt dafür, dass sich die Schwarzen, die Latinos und die weißen Arbeiter in der sogenannten Rainbow Coalition verbünden. So befriedete er die explosive Situation auf den Straßen von Chicago und wurde in den Augen der Regierung noch gefährlicher.

Judas and the Black Messiah – hier: Lakeith Stanfield als Bill O’Neal and Jesse Plemons als Roy Mitchell; © Warner Bros./Glen Wilson
Bild: Warner Bros./Glen Wilson

Mitreißende Unterhaltung und feurige Kritik

Verkörpert wird Hampton von dem Briten Daniel Kaluuya, der seine noch junge, schillernde Karriere mit gutem Gespür für gesellschaftlich relevante Themen wie Rassismus und Diskriminierung geformt hat. Seit 2017 hat er nacheinander mit jedem der neuen wilden, selbstbewussten, originellen schwarzafrikanischen Regisseure seiner Generation gearbeitet. Zusammen mit Jordan Peele, Ryan Coogler und Shaka King verbindet er immer wieder mitreißende Unterhaltung mit feuriger Kritik an den Lebensumständen von Schwarzafrikanern in einer von Weißen dominierten Welt.

Mit der wuchtigen Kraft seiner Stimme und charismatischer Präsenz zieht Daniel Kaluuya nicht nur als Fred Hampton einen ganzen Saal voll wütender Anhänger, sondern auch als Schauspieler die Zuschauer im Kino in seinen Bann. Allein deshalb lohnt es sich, den Film im englischen Original anzuschauen! Auf der anderen Seite lässt auch der Rapper und Schauspieler Lakeith Stanfield, der ebenfalls für einen Oscar nominiert war, die Figur des Verräters in vielen widersprüchlichen Nuancen zwischen Koketterie, Stolz, Angst vor Enttarnung, Zweifeln und wachsendem schlechten Gewissen oszillieren.

Biopic, Politthriller und romantische Liebesgeschichte in einem

Raffiniert verwebt Regisseur und Drehbuchautor Shaka King die Historie der Black Panther-Bewegung mit der Spannung eines Politthrillers und würzt das Ganze noch mit einer dezent romantischen Liebesgeschichte.

Über den Fall Fred Hampton hinaus erzählt der Film auch eine andere Geschichte der revolutionären Black Panther-Bewegung. Die wird sonst oft auf Gewalttätigkeit und den radical chic der Mode reduziert und immer wieder sogar als schwarzer Ku-Klux-Klan diffamiert. Shaka King vermeidet die Signalwirkung von Sex und Gewalt und dockt stattdessen an die atmosphärische Nervosität und den düsteren Realismus der New Hollywood-Filme der frühen Siebziger Jahre an. Immer wieder taucht die Kamera in nächtliche Gassen und schummrige Hinterzimmer ein, lässt sich mitreißen vom revolutionären Furor und in Schwingung versetzen vom jazzig-funkigen Rap des Soundtracks.

"Judas and the Black Messiah" ist sehr viel mehr als nur eine historische Geschichtsstunde. Der Mord an Fred Hampton liegt mehr als 60 Jahre zurück und ist doch brandaktuell.

"Judas and the Black Messiah" war für insgesamt sechs Oscars nominiert, ausgezeichnet wurden Daniel Kaluuya als Darsteller und der beste Song. Jetzt läuft der Film mit einem Jahr Corona-Verspätung in den gerade wiedereröffneten Kinos.

Anke Sterneborg, rbbKultur

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