Berlinale 2021: Nebenan © © Reiner Bajo
Reiner Bajo
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Schwarze Komödie - "Nebenan"

Bewertung:

Immer wieder wechseln Schauspieler irgendwann die Seite und nehmen auf dem Regiestuhl Platz. Nun auch Daniel Brühl, dessen Karriere im Jahr 2003 mit "Goodbye Lenin" begann und der seitdem zu den bekanntesten deutschen Stars zählt. "Nebenan" heißt sein Regie-Debüt, das nun in die Kinos kommt.

Der Film führt uns zunächst in ein durchgestyltes Dachgeschoss in Berlin-Mitte. Aus dem teuren Chrom-Duschkopf prasselt Wasser über den verschwitzten durchtrainieren Körper, für den großartigen Blick über die Dächer der Hauptstadt aber hat Daniel kein Auge. Er hat auch keine Zeit für seine zwei kleinen Kinder, die er wie immer der Nanny überlässt. Daniel muss nach London, er ist zu einem Vorsprechen für einen großen Hollywood-Film eingeladen – der Traum eines jeden deutscher Schauspielers. Sollte er diese Rolle bekommen, würde das seine Karriere endlich richtig nach vorne bringen.

Daniel Brühl konterkariert eine gesamte Branche

Das ist die Ausgangssituation des Regiedebüts von Daniel Brühl, in dem er, so hat man den Eindruck, nicht nur sich selbst, sondern die gesamte Branche konterkariert. Auf dem Weg zum Flughafen aber kehrt Daniel kurz noch in der Eckkneipe nebenan ein. Hier macht er die Tresen-Bekanntschaft von Bruno, der ein Autogramm von ihm haben möchte. Dass der sich gleich danach mit der Serviette auf der Daniel unterschrieben hat, den Bierschaum vom Mund wischt, nimmt Daniel leicht irritiert zur Kenntnis.

Der Selbstbezogentheit entgehen

Daniel Brühl gibt den Star Daniel, der vor allem um sich selbst kreist, dem in seiner Selbstbezogentheit entgehen muss, dass er es hier nicht mit einem Fan zu tun hat.

Peter Kurth spielt Bruno, diesen fremden Mann in der Eckkneipe, der Daniel zunächst freundlich begegnet, ihm dann aber zunehmend und unmissverständlich klar machen wird, wer hier das Sagen hat. Dieser Fremde nämlich kennt sich aus. Nicht nur im Kiez, sondern auch in den Rollen, die Daniel bisher gespielt hat. Und in seinem Leben …

Gentrifizierungsgeschichte

Nach dieser Begegnung ist Daniel ein anderer, sein Leben nicht mehr dasselbe.

Eine Gentrifizierungsgeschichte habe er erzählen wollen, sagt Schauspieler Daniel Brühl. Als er vor Jahren von Barcelona nach Berlin zurückkehrte, habe er erlebt, wie sich in Ost-Berlin Menschen mit Geld breitmachten, die Mieten in die Höhe trieben: wie Altbauten saniert und dann zu unbezahlbaren Preisen verkauft wurden. Ein Konflikt zwischen arm und reich, alt und jung, aber auch zwischen Ost und West.

Und genau darum geht es in "Nebenan": ein Drama, das zugespitzt davon erzählt, was die systematische Übernahme für Menschen, die zum Beispiel im Prenzlauer Berg leben, bedeuten kann. Der Mensch vor Ort, der "Ossi", das ist Peter Kurth, der große Geheimnisvolle des deutschen Films.

"Sparringpartner" Peter Kurth und Dramaturgie-Unterstützung von Daniel Kehlmann

Keine bessere Besetzung als ihn hätte es für diesen Bruno gegeben: Bruno, der die Wirtin in der Kneipe kennt und ihre Schnittchen zu würdigen weiß, ist einer, der hierhergehört. Anders als Daniel, der all das nur behauptet, eigentlich aber nie angekommen ist.

Vieles spricht für diesen Film: Die Selbstironie, mit der die Filmwelt angegangen wird und vor der Daniel Brühl offensichtlich keine Angst hat. Zudem geht er das Wagnis ein, sowohl hinter wie auch vor der Kamera zu stehen, eine Doppelaufgabe, die der Regieneuling souverän meistert. Auch spricht für ihn, sich einen Sparringpartner wie Peter Kurth an die Seite zu holen. Und auch in Sachen Drehbuch hat Brühl sich kompetente Unterstützung gesichert: der Schriftsteller Daniel Kehlmann sorgt für gutsitzende Dialoge und eine überzeugende Dramaturgie.

Ein Kammerspiel in der Kneipe um die Ecke

Es ist spannend, wie dieser Film zu Beginn eine ganz andere Erwartungshaltung heraufbeschwört. Wie man erwartet, in die Welt des Glamours einzutauchen, in die große Welt des Films. Stattdessen entwickelt sich "Nebenan" zu einem Kammerspiel in der Kneipe um die Ecke, in der zwei Welten aufeinanderprallen. Hier nebenan nämlich spielt sich das eigentliche Leben ab, und das scheint Daniel Brühl begriffen zu haben.

Christine Deggau, rbbKultur