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Bitterböse Satire - "Der Masseur"

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Die polnische Regisseurin Malgorzata Szumowska gehört zu den herausragenden Filmemacherinnen ihres Landes. Zweimal schon konnte sie auf der Berlinale einen Silbernen Bären gewinnen. In ihrem jüngsten Film "Der Masseur" portraitiert Sie einen mysteriösen Wunderheiler, der mit seinen magischen Händen die Verletzungen der post-sozialistischen Gesellschaft offenlegt

Zhenia (Alec Utgoff) kommt aus der Gegend von Tschernobyl und trägt immer eine zusammengeklappte Massage-Liege mit sich herum. Er lebt in einer heruntergekommenen Plattenbau- Siedlung, die in Polen, aber auch in jedem anderen osteuropäischen Land liegen könnte, und geht zum Arbeiten jeden Tag in eine reiche Vorstadt – Siedlung.

Zerrbild einer post-sozialistischen Gesellschaft

Zhenias Kunden sind Angehörige einer post-sozialistischen Upper Class. Neurotische Hausfrauen wie Maria (Maja Ostazewska), die ihre innere Leere mit Alkohol und Psychopharmaka bekämpft, gestresste Manager wie ihr Ehemann (Krzysztof Czeczot) und verbitterte Frührentner wie der "General" (Andrzej Chyra), der seinen Panzer gegen einen völlig überdimensionierten SUV eingetauscht hat. Sie alle sind Zhenia hörig, denn der Mann mit den magischen Händen ist für Sie gleichzeitig intimer Vertrauter, Beichtvater und Guru.

Engel oder Dämon?

Über Zhenias eigene Motive bleiben wir dagegen im Unklaren: Ist er ein Engel in Menschengestalt ist, der aus der Strahlen-Hölle von Tschernobyl hervorgegangen ist? Oder eher ein Dämon, der seine Klientel für ihre degenerierte Lebensführung bestraft? Welche Rolle spielt der frühe Tod seiner Mutter, deren Strahlentod der kleine Zhenia als Siebenjähriger mitansehen musste? Und warum will es in diesem Jahr partout nicht schneien?

Elemente aus Fantasy und Horror

Malgorzata Szumowska und ihr Kamera- Mann und Co-Regisseur Michał Englert arbeiten mit Elementen des Fantasy– und Horrorfilms. Ständig wechselt das Licht zwischen Hell und Dunkel, die Lampen flickern und immer wieder taucht Zhenia in unheimliche Traumsequenzen ein. Mit seinen Händen und seinen hypnotischen Fähigkeiten kann er die Menschen nach Belieben manipulieren – ob er sich nun den erotischen Avancen

seiner weiblichen Kundschaft entziehen muss oder nur die Blähungen eines verwöhnten Schoßhündchens kuriert.

Ein muskelbepackter Softie

Alec Utgoff, zuletzt in der Netflix-Serie Stranger Things zu sehen, überzeugt durch seine Mischung aus enormer physischer Präsenz und sanftmütigem Auftreten. Kein Wunder, dass ihm die Frauen in dem Film alle zu Füßen liegen. Seine Kunden und Kundinnen kommen dagegen eher wie Karikaturen daher, passen aber gerade deshalb gut in das groteske Szenario.

Die Botschaft bleibt offen

Ähnlich wie in ihren letzten Filmen "Die Maske" (Twarz) und „Body“ (Ciało) kriecht Malgorzata Szumowska auch diesmal wieder unter die Haut ihrer Protagonisten, legt ihr Innerstes frei und seziert ihre Träume. Ihre Botschaft jedoch bleibt bis zum Ende offen. Ist "Der Masseur" nun eine bitterböse Satire auf das Leben im Polen von heute? Oder verspricht der mysteriöse Heiler aus dem Osten tatsächlich mehr als nur vorübergehende Linderung der post-sozialistischen Schmerzen? Am Ende verschwindet die Hauptfigur in einem Houdini’schen Stunt – und lässt Kunden und Kino-Publikum verblüfft zurück.

Carsten Beyer, rbbKultur

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