Die Rote Kapelle – Der Historiker Guillaume Bourgeois; © Lichtblick Film
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Dokumentarfilm - "Die Rote Kapelle. Das verdrängte Widerstandsnetz"

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Die Rote Kapelle, das ist nicht der Name einer Widerstandsgruppe gegen die Nationalsozialisten, sondern es ist die Bezeichnung, unter der die Gestapo ihre Fahndung nach Spionagegruppen in Berlin, Belgien und Frankreich zusammengefasst hat. In den 70er Jahren entstanden sowohl in der DDR als auch in der Bundesrepublik Filme über die Rote Kapelle. Jetzt gleicht ein neuer Dokumentarfilm von Carl-Ludwig Rettinger diese beiden Darstellungen des Widerstandes in Deutschland ab und erzählt die Geschichte der Roten Kapelle noch einmal neu.

"Die Rote Kapelle" von Carl-Ludwig Rettinger ist ein hochspannender Dokumentarfilm, der sehr kritisch die Geschichtsschreibung der beiden Vorgängerfilme aus den 70er Jahren als Darstellung von Geheimdienstlern betrachtet.

Der Film korrigiert die Geschichtsschreibung

Die Defa-Produktion wurde nach dem Drehbuch von Claus und Wera Küchenmeister gedreht. Beide waren in der DDR für das Ministerium für Staatssicherheit tätig. Und der 70mm Spielfilm "KLK an PTX" schildert die Geschichte rund um Harro Schulze-Boysen und Arvid Harnack so, als sei sie von der Kommunistischen Partei angestoßen worden.

Die siebenteilige Fernsehserie des WDR – von Franz-Peter Wirth inszeniert – stützt sich auf das Buch des Journalisten Heinz Höhne. Dieser wiederum soll seine Informationen von der "Arbeitsgemeinschaft ehemaliger Abwehrangehöriger" erhalten haben, also von den nationalsozialistischen Verfolgern, die den Begriff "Rote Kapelle" prägten. In ihren Darstellungen ließen sie ihre eigenen Gräueltaten aus, ihre Methoden, von Verhafteten Informationen zu erpressen, die schrecklichen Folterungen, die furchtbaren Haftbedingungen.

Die Rote Kapelle – Hans Coppi jr., Sohn von Hans Coppi (Funker); © Lichtblick Film
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Die Dokumentation zeichnet ein komplexes Bild

Carl-Ludwig Rettinger weitet den Blick. Der Widerstand war nicht nur kommunistisch, er war bürgerlich, er war jüdisch, er war belgisch, französisch und er war weiblich. Die Vorgängerfilme erzählen die Geschichten der männlichen Helden. Aber 40 Prozent des Netzwerks waren Frauen. Auch sie wurden in Berlin vor das Reichskriegsgericht gestellt, neunzehn Frauen wurden hingerichtet.

Auch Libertas, die lebensfrohe und freigeistige Frau von Harro Schulze-Boysen, an deren Schicksal ihre Nichte auf Schloss Liebenberg bei Berlin erinnert:

"Libertas Mutter Victoria hatte eine sehr enge Beziehung zu Libertas. Es war Weihnachten und sie hat einen Tannenbaum und ein Geschenk mitgenommen und frohen Mutes ist sie zum Gefängnis gegangen und wollte, dass Libertas überreichen, wurde dann gleich abgewiesen, bis jemand sagte: fragen Sie da mal nach. Und dann ist sie da auch hingegangen und dann hat man ihr gesagt, dass Libertas nicht mehr lebt."

Filmischer Ausgangspunkt sind die beiden Inszenierungen aus den 1970er Jahren

Rettinger nutzt die Spielfilmszenen als Grundgerüst, für die Action, das hört sich dann so an:

"Wären Sie bereit, daran mitzuarbeiten, dass der endgültige Untergang Deutschlands vermieden wird? Werden Sie deutlicher, Dr. Harnack. Wären Sie bereit, mit Informationen zukommen zu lassen. Informationen für wen? Für die Rote Armee. Worum Sie mich bitten, ist das Äußerste.“

Manchmal schneidet er beide Filme ineinander, dann aber geht er mit seinen Interviews weit über die Darstellungen aus den 70er Jahren hinaus. Das Tragische ist, dass die Warnungen vor den Kriegsvorbereitungen in Deutschland weder in den Vereinigten Staaten noch in der Sowjetunion ernst genommen wurden. Millionen Menschenleben hätten gerettet werden können. Und Rettinger erzählt das spätere Schicksal des jüdischen Widerstandskämpfers Leopold Trepper und des sowjetischen Geheimdienstlers Anatoli Gurewitsch in Moskau. Sie hatten eine Funkzentrale in Brüssel eingerichtet. Nach Kriegsende landeten sie in Moskau im Gefängnis, weil Stalin vertuschen wollte, dass er die Warnungen in den Wind geschlagen hatte.

Da erzählt der Film fast unglaubliche Lebensgeschichten, die sich in der zweiten und dritten Generation fortsetzen.

Simone Reber, rbbKultur

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