Szene aus dem Film "Neubau" © Salzgeber
Salzgeber
Bild: Salzgeber Download (mp3, 3 MB)

Spielfilm-Debüt - "Neubau"

Bewertung:

"Hier ist sie, die neue Selbstverständlichkeit" – mit diesen Worten wurde der Film "Neubau" von Johannes Maria Schmit beim Max Ophüls Filmfestival letztes Jahr als bester Spielfilm ausgezeichnet. Ein Statement, das neugierig auf dieses Regiedebüt macht.

Irgendwo in Brandenburg. Es ist Sommer, die Blätter rauschen, die Insekten summen, die Hitze brennt. Der Singsang der Natur verschmilzt mit menschlichen Geräuschen. Zwei junge Männer haben Sex bei geöffnetem Fenster. Wir sehen ihre Körper, ihre Lust. Die Kamera ist dicht bei ihnen, zeigt viel, aber nicht zu viel, nichts Falsches.

Fürsorge, Sehnsucht und Tagträume

Dann der flüchtige Blick aufs Telefon und schon macht Markus sich auf den Weg, steigt ins Auto, fährt die Waldwege ab: Seine demente Großmutter hat sich beim Blumenpflücken verlaufen, ihre Freundin ist halbkrank vor Angst. Doch da ist Markus. Er lebt sein Leben – für die beiden alten Frauen aber ist er immer ansprechbar, hilft, nimmt in den Arm. Seine Fürsorge schützt.

Niemand hat hier Eile. Nur die Träume, die wollen gelebt werden. Berlin steht für Markus‘ Sehnsucht nach seinesgleichen: nach jungen Menschen, die sich nicht in Schubladen einsortieren lassen, die anders sind. Und so drängen sich in seine Tagträume geschminkte kostümierte junge Männer und Frauen, die ihn mit begehrlichen Blicken locken.

Äußerlich geschieht nur wenig - und das ganz langsam

Man ahnt, dass Markus schon einiges erlebt hat, ahnt es, wenn er sich seine Spritzen setzt, lieber draußen und im Sitzen pinkelt als auf der Männertoilette. Seine Sexualität prägt seine Handlungen, alles, was in diesen heißen Brandenburger Tagen und Nächten geschieht. Doch äußerlich geschieht ohnehin nur wenig und das ganz langsam, hochtourig läuft allein das Auto, das Markus immer im falschen Gang zu fahren scheint. Und auch gesprochen wird kaum und mit langen Pausen.

Ein besonderes Filmdebüt

Für den Theaterregisseur Joachim Maria Schmitt, der an der Ernst Busch Hochschule in der Klasse von Thomas Ostermeier studiert hat, ist "Neubau" sein erster Film. Die Themen dieses Debüts lassen sich schon nach wenigen Minuten festmachen: Sommer – Provinz – Sexualität – Familie. Doch so feinnervig wie Schmitt diese Begriffe als Gefühlszustände entblättert, ist es besonders. Jedes der nur sparsam gestreuten Worte, jede Handlung besitzt eine tiefe menschliche Geradlinigkeit; eine Würde, umgeben von großer Stille, in der wiederum eine ungeheure ungeschliffene Kraft liegt.

Heimatfilm

Das Drehbuch von "Neubau" hat Tucké Royale geschrieben: 1984 in Quedlinburg geboren, ist der studierter Puppenspieler selbst ein Ausnahmekünstler: als Schauspieler mehrfach ausgezeichnet, steht er auch am Berliner Gorki Theater immer wieder auf der Bühne. Und auch hier spielt er die Hauptrolle.

Mit beeindruckender körperlicher Präsenz verkörpert Royale diesen sensiblen Mittzwanziger Markus: ein junger Mann, der sich auf den Weg gemacht hat, um sich zu finden – der ein Stück seiner Identität aber immer mit sich tragen wird, eingeschrieben in drei großen Lettern auf seinem Oberkörper: "OST".

Denn "Neubau", so ist es im Abspann zu lesen, wollen die Macher des Films selbst als Heimatfilm verstanden wissen. Auch darüber lohnt es sich, noch einmal nachzudenken.

Christine Deggau, rbbKultur

weitere rezensionen

Maixabel © Piffl Medien
Piffl Medien

Drama - "Maixabel - Eine Geschichte von Liebe, Zorn und Hoffnung"

Rund 850 Todesopfer forderte der gewalttätige Freiheitskampf der baskischen Terrororganisation ETA. Nach der spanischen HBO-Serie "Patria" befasst sich nun auch der Spielfilm"Maixabel – Eine Geschichte von Liebe, Zorn und Hoffnung" mit den Folgen der Gewalt. Basierend auf realen Ereignissen verknüpft die Schauspielerin und Regisseurin Icíar Bollaín in ihrem zehnten Spielfilm die Lebensgeschichten von Opfern und Tätern.

Bewertung:
Szene aus "Das Licht, aus dem die Träume sind". (Bild: Neue Visionen Filmverleih)
Neue Visionen Filmverleih

Drama - "Das Licht, aus dem die Träume sind"

Das Kino als Lebensretter und Sinnstifter, als Fluchtmöglichkeit aus ärmlichen und verzweifelten Verhältnissen, davon haben schon viele berühmte Filmregisseure erzählt: Francois Truffaut in "Die amerikanische Nacht", Guiseppe Tornatore in "Cinema Paradiso", zuletzt Kenneth Branagh in "Belfast". Filme über die Magie des Kinos haben immer einen besonderen Zauber, das gilt auch für "Das Licht, aus dem die Träume sind", in dem der indische Regisseur Pan Nalin von seiner eigenen Kino-Initiation erzählt.

Bewertung: