Maxi (l.) und Karl (r.); Quelle: rbb/Sammy Hart
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Drama von Christian Schwochow - "Je suis Karl"

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Ein Bombenanschlag mitten in Berlin, eine zerstörte Familie und eine ominöse Gruppierung, die sich das Leid der Menschen zunutze macht. In Christian Schwochows Film "Je suis Karl" ist eine Menge los. Doch leider trägt der Regisseur im zweiten Teil seines Films zu dick auf und so rutscht seine Story über rechte Verführer und linke Verführbarkeit ins Kolportagehafte.

Ein Sommertag mitten in Berlin: In einer Kreuzberger Altbau-Wohnung nimmt Alex (Milan Peschel) von einem mysteriösen Paketboten ein Päckchen an, das eigentlich für die Nachbarn bestimmt ist. Kurz darauf – Alex ist gerade nochmal vor die Tür gegangen - explodiert in seiner Wohnung eine Bombe. Seine Frau und seine beiden kleinen Söhne sind sofort tot. Nur die 17-jährige Tochter Maxi (Luna Wedler) kommt mit dem Leben davon, weil sie gerade in der Schule ist.

Ein Anschlag mitten in Berlin

Wer das Päckchen abgeschickt hat, wer hinter dem Anschlag steckt – all das kann die Polizei nicht herausfinden. Zurück bleiben zwei verstörte Menschen, die mit ihrer Trauer und ihrem Schmerz kaum fertig werden. Da betritt der titelgebenden Karl (Jannis Niewöhner) die Szenerie. Ein junger Student, blond, blauäugig und sehr smart. Karl gibt sich zunächst einfühlsam und verständnisvoll, beschützt Maxi vor aufdringlichen Reportern und macht ihr Komplimente. Nach und nach aber wird klar, dass Karl mehr ist als nur ein netter junger Student. Er ist Teil eines europaweiten Netzwerks von Aktivisten, die gegen Ausländer und Flüchtlinge hetzen und einen rechten Umsturz planen – und er versucht, Maxi ebenfalls für dieses Netzwerk zu gewinnen. Schließlich wäre die junge Frau als Opfer eines Bombenanschlags eine großartige Gallionsfigur.

Retter in der Not oder rechter Verführer?

Filme über rechte Jugendorganisationen und ihre Anziehungskraft gibt es mittlerweile eine ganze Menge. Mal stehen ihre Mitglieder im Mittelpunkt, mal die Opfer. Christian Schwochow geht es in seinem Film um die Anziehungskraft rechter Narrative auf Menschen, die ganz anders sozialisiert sind, die aus einem linken, liberalen, weltoffenen Umfeld stammen. Doch in seinem Bemühen, die Gefährlichkeit rechter Gedanken zu zeigen, rutscht er im weiteren Verlauf seines Films immer mehr ins Kolportagehafte ab.

Abrutschen in die Kolportage

Karls paneuropäisches "Netzwerk", das in seinen Symbolen und seinen Inhalten stark an die Identitäre Bewegung erinnert, wirkt wie ein Abziehbild: junge Menschen, die coole Instagram-Videos drehen, wilde Parties feiern und gerne auch mal Drogen nehmen. Die aber auf der anderen Seite voll sinistrer Pläne sind: die Waffen sammeln, Selbstmordattentate planen und rechte Politiker in ihrem Wahlkampf unterstützen.

Die Glaubwürdigkeit wird der Dramaturgie geopfert

Die Geschichte von der rechten Verführung wird auch durch Maxis Reaktion kaum glaubhafter: Zunächst fällt die junge Frau auf die plattesten Sprüche rein, verschließt vor allen Widersprüchen die Augen und lässt sich vor den Karren der Rechten spannen. Dann aber, als es eigentlich schon fast zu spät ist, strebt sie nach einem kurzen Moment der Selbsterkenntnis zurück in die Arme ihres linksgrünen Kreuzberger Vaters. Das mag vielleicht für die Dramaturgie des Films gut sein, nicht aber für seine Glaubwürdigkeit.

Holzschnittartiges Drehbuch

Im holzschnittartigen Drehbuch (Thomas Wendrich) verlaufen sich auch die Darsteller. Jannis Niewöhner als smarter Jungnazi und Milan Peschel als sympathischer, aber leicht verstrahlter Kreuzberger Altlinker wirken wie fleischgewordene Klischees. Einzig Luna Wedler hat im ersten Teil des Films einige schauspielerische Glanzmomente. Wie sie um ihre Mutter und ihre kleinen Brüder trauert, geht wirklich unter die Haut.

Alte Gewissheiten lösen sich auf

"Je suis Karl" ist ein gut gemeinter Film über rechte Verführer und linke Verführbarkeit in einer Zeit, in der alte Gewissheiten sich auflösen. Gut gemacht ist er nicht.

Carsten Beyer, rbbKultur

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