Schachnovelle: Bartok ( Oliver Masucci ) alleine auf dem Promenadendeck © Studiocanal GmbH / Julia Terjung
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Literaturverfilmung - "Schachnovelle"

Bewertung:

Philipp Stölzl hat die "Schachnovelle" verfilmt - das letzte und wohl berühmteste Werk von Stefan Zeig, geschrieben zwischen 1938 und 1941 im brasilianischen Exil und erst posthum nach seinem Selbstmord 1942 veröffentlicht. 1960 wurde das stark autobiografisch gefärbte und als unverfilmbar geltende Werk schon einmal adaptiert, damals von Gerd Oswald mit Curd Jürgens und Mario Adorf in den Hauptrollen.

Die alptraumhaft fesselnde und geheimnisvolle Kraft der Novelle hat Philipp Stölzl ein Leben lang begleitet, seit er sie als Leseratten-Teenager mit 14 oder 15 Jahren zum ersten Mal las. Gäbe es da nicht ein paar schwerwiegende Umsetzungshinderniss - ein Mann, der die meiste Zeit allein in einem Zimmer eingeschlossen ist und dazu die intensive Auseinandersetzung mit einem Buch, in dem Schachpartien rekapituliert werden – hätte er sie vermutlich schon viel früher verfilmt.

Zusammen mit dem Drehbuchautor Eldar Grigorian hat er jetzt einen Weg gefunden, die Zuschauer:innen ganz unmittelbar mit hineinzunehmen in den Kopf von Herrn B., der im Film Dr. Josef Bartok heißt und von Oliver Masucci gespielt wird.

Wahn und Wirklichkeit

Wien, 1938. Die Nazis besetzen Österreich: Der Anwalt und Vermögensverwalter Dr. Josef Bartok hat die Gefahr lange unterschätzt, wird von einem Freund gedrängt, das Land mit seiner Frau Anna (Birgit Minichmayr) zu verlassen - mit dem Schiff nach Rotterdam und von dort nach New York. Doch gerade als er alles zusammenpacken will, wird er von der Gestapo in seiner Wohnung abgeholt. Selbst da reagiert er zunächst noch ziemlich gelassen, fast herausfordernd frech. Die Nazis haben es auf das Geld abgesehen, das Bartok für reiche Anleger verwaltet, die Zugangsdaten zu den Nummernkonten bewahrt er im Kopf und bleibt trotz Isolationshaft und Folter standhaft.

Monatelang wird er völlig ohne Ablenkungen wie Bücher, Papier oder Stift in einem fensterlosen Zimmer eines Hotels festgehalten. Irgendwann gelingt es ihm, nach dem Verhör heimlich ein Buch in seinen Besitz zu bringen - leider keine Belletristik, sondern ein Sachbuch über berühmte Schachpartien. Nach der ersten Enttäuschung vertieft er sich wie besessen darin und spielt die Partien nach - mit Figuren, die er aus Brotstücken knetet und im Badezimmer in der Wand versteckt.

Das Buch ist seine Rettung, der Strohhalm, an dem er sich festklammert - aber auch eine Welt, in der er sich verliert.

Schachnovelle: Bartok (Oliver Masucci) ist weiterhin in Haft © Julia Terjung/Studiocanal/ Walker + Worm Film
Bild: Julia Terjung/Studiocanal/Walker + Worm Film

Im Kopf eines unzuverlässigen Erzählers

Als Zuschauer:in befindet man sich konsequent im Kopf von Bartok: Man ist mit ihm auf dem Schiff, sieht ihn mit seiner Frau tanzen und dinieren. Zunehmend aber wird klar, dass seiner Wahrnehmung nicht zu trauen ist, die Zeitenebenen purzeln durcheinander, Übergänge zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Erinnerungen und Erlebnissen, Träumen und Alpträumen verschwimmen. Anders als in der Novelle gibt es im Film keinen zwischengeschalteten Erzähler, was dazu führt, dass man unmittelbarer und näher mit Bartok verbunden ist.

Alle Register der Kinokunst

Geradezu magisch zieht Philipp Stölz die Zuschauer:innen in den düsteren Sog dieser alptraumhaften Wahrnehmung. Im Wechsel von Luxusleben auf der einen Seite und psychischer Zerrüttung auf der anderen, zieht er alle Register der Kinokunst: in Ausstattung, Kostümen, mit Musik und Geräuschen. Diese enorme Sinnlichkeit hat auch die Deutsche Filmakademie mit insgesamt sieben Lola-Nominierungen gewürdigt, u.a. als bester Spielfilm, für Ton, Kostüme, Szenenbild, Make-up und Visual Effects.

Erstaunlicherweise nicht nominiert ist Oliver Masucci, der diesen innerlich und äußerlich zerrütteten Menschen eindrucksvoll in allen Nuancen verkörpert und wesentlich dazu beiträgt, dass man sich mit ihm in der düsteren Welt des nationalsozialistischen Wien verliert.

Anke Sterneborg, rbbKultur

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