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Historischer Thriller - "Hinterland"

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Weltberühmt wurde der österreichische Regisseur Stefan Ruzowitzky, als er 2008 den Oscar für den besten fremdsprachigen Film für seinen Spielfilm "Die Fälscher" gewann, in dem es um die "Aktion Bernhard", das größte Geldfälscher-Programm der Nationalsozialisten, ging. Auch sein neuester Film "Hinterland" verbindet Krimi und Historie, eine Mordserie in Wien mit den Nachwehen des Ersten Weltkrieges.

Mit Blessuren an Körper und Seele kehrt der ehemalige Polizeikommissar Perg mit seinen Kameraden aus dem Krieg und der russischen Gefangenschaft zurück nach Wien - in eine Welt, die ihm fremd geworden ist: Der Kaiser hat abgedankt, Österreich ist unter der rot-weiß-roten Fahne zur Republik ausgerufen worden. Alles ist fremd und niemand will an den Krieg erinnert werden, der den ausgemergelten Männern noch in den Knochen und den Gesichtern steckt.

Düstere Schatten und stürzende Linien

Ein enormes Gewicht lastet auf den Männern, förmlich erdrückt werden sie von düsteren Schatten und stürzenden Linien, die ganze Welt wirkt wie eine finstere Gasse, über der die Häuser einzustürzen drohen. Es ist, als hätte der Ruß der Kanonen und der Staub der Trümmer die Primärfarben verschluckt. Kaum sind die Männer angekommen, beginnt eine grausige Mordserie, die Leiche eines Kameraden wird gefunden, grausam entstellt und in Kreuzigungspose von 19 Pflöcken durchbohrt.

"Wer macht so etwas Unmenschliches?" fragt die junge Gerichtsmedizinerin Dr. Theresa Körner. "Unmenschlich?" erwidert der Kriegsheimkehrer Peter Perg: "Schlagen Sie die Zeitung auf! Töten und Quälen ist menschlich."

Perg, dem Murthan Muslu eine sehr physische, versehrte Männlichkeit verleiht, gerät schnell unter Verdacht, knüpft aber bald an seinen Vorkriegsjob als Kommissar an.

Hinterland: Murathan Muslu © Paramount Home Entertainment
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Fundamentale Zerrüttung

Die von Liv Lisa Fries gespielte Gerichtsmedizinerin ist in einer düsteren Welt der einzige Hoffnungsschimmer: Im cremeweißen Mantel erleuchtet sie das Dunkel und glaubt als Einzige an die Zukunft: "Wenn Sie sich bemühen, werden Sie viel Gutes finden - Freiheit, Gerechtigkeit Veränderung. Ich mag Veränderung."

Sie kennt Perg von früheren Fällen: "Der Schlächter von Hernanzk, der Frauen geschändet und verstümmelt hat, wenn sie mehr konnten als kochen und beten und - Gott bewahre - besser waren als ein Mann: Da hat es schon gereicht, wenn eine Stenotypistin in der Gerichtsmedizin war. Wäre Perg nicht gewesen, würde ich jetzt nicht vor Ihnen stehen."

Bald taucht eine weitere Leiche auf, dieses Mal sind insgesamt 19 Finger und Zehen abgetrennt. Und schließlich ein weiteres Opfer, dessen Unterkörper in einem Käfig von 19 Ratten zerfressen wurde. Die irre Gewalttätigkeit dieser Verbrechen hat viel mit dem Wahnsinn zu tun, der aus dem Krieg herüberschwappt, Ausdruck einer fundamentalen Zerrüttung und Verrohung.

"Sie hatten recht, ich hab' einen Dachschaden", gibt Perg offen zu: "Vorhin am Tatort: Tod, Verbrechen, Leid - aber genau da habe ich mich zum ersten Mal daheim gefühlt und nicht wie hier in einer fremden Welt."

Digitales Mimikry

Die Monstren des Krieges geistern durch Wien, durch Kanalsysteme, Keller und Katakomben, Gassen und Kirchtürme. Virtuos verzahnt Ruzowitzky das reale Kriegsdrama mit dem fiktiven Horror-Thriller, die Rückkehr der Soldaten mit einem Serienmörder-Krimi. Nach Tom Tykwer, Achim von Borries und Henk Handloegten in der Fernsehserie "Babylon Berlin" und Dominik Graf in der Kästner-Verfilmung "Fabian oder Der Gang vor die Hunde" schlägt nun auch Stefan Ruzowitzky eine Brücke zwischen den Zeiten.

Formal ist "Hinterland" inspiriert von den Welten, die Filmemacher und Maler unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges erschaffen haben. Als wäre es ein Werk von Robert Wiene oder Paul Wegener stürzen auch bei ihm die Linien und kippen die Bauten. In einer Art digitalem Mimikry hat er sich dem Stil expressionistischer Meisterwerke wie "Das Kabinett des Dr. Caligari" angenähert:

"Das ist ja jetzt keine lustige Fantasy-Welt. Er empfindet das als etwas aus dem Lot Gekommenes, wo’s keinen sicheren Boden unter den Füßen mehr gibt. Das ist ja auch kein Zufall, dass der Expressionismus damals solche Formen gefunden hat. Das ist so verstörend anders, da brauchte ich auch eine neue Ästhetik, um das einzufangen."

Hinterland: Liv Lisa Fries und Murathan Muslu © Paramount Home Entertainment
Bild: Paramount Home Entertainment

Eine alptraumhaft verzerrte und faszinierend sinnliche Kulissenstadt

Das Wien der frühen Zwanzigerjahre ist eine Kulissenstadt, die komplett am Computer entstanden ist. Die Schauspieler:innen mussten vor dem Blue Screen spielen, erst danach haben die Productiondesigner Martin Reiter und Andreas Sobotka ein Jahr lang am Computer getüftelt und um sie herum eine Welt erschaffen. Zusammen mit Digital Design Art Director Oleg Prodeus haben sie die vertraute Stadt als alptraumhaft verzerrte Version ihrer selbst neu zusammengesetzt und die Teile ineinander verschoben.

Das Ergebnis ist zugleich bühnenhaft künstlich und faszinierend sinnlich, historisch im Ersten Weltkrieg verwurzelt und zeitlos jeden Krieg betreffend.

Anke Sterneborg, rbbKultur

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