The French Dispatch: Bill Murray u. Pablo Pauly © 2020 Twentieth Century Fox Film Corporation
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Komödie von Wes Anderson - "The French Dispatch"

Bewertung:

In Filmen wie "Die Royal Tenenbaums", "Darjeeling Limited" oder "Grand Budapest Hotel" hat der amerikanische Regisseur Wes Anderson seinen Schauspieler:innen immer wieder kunstvolle Schauplätze gebaut, die riesigen Puppenhäusern für moderne, dysfunktionale Familien gleichen. Sein neuester Film "The French Dispatch" feierte auf dem Festival in Cannes Premiere und ist eine Hommage an den Magazin-Journalismus im Stil des New Yorker.

"The French Dispatch" ist eine Einladung in die fiktive französische Kleinstadt Ennui-sur-Blasé, in der die Zeit irgendwann in den pittoresken 60er-Jahren stehengeblieben ist. Eine Einladung auch in die Ersatzfamilie der Redaktionsmitglieder des gleichnamigen Magazins. Und schließlich eine Einladung, darin zu blättern, sich in die dort abgedruckten Geschichten entführen zu lassen.

Blättern in einem opulenten Hochglanzmagazin

In der unbedingt zu empfehlenden Originalfassung liefert Anjelica Huston die Einführung:

"It began as a holiday. Eager to escape the bright future on the great planes Arthur Howitzer Jr. transformed a series of travellogs into the French Dispatch, a factual weekly report on the subjects of world politics, the arts, high and low and divers stories of human interest."

In der deutschen Fassung:

"Es begann als ein Urlaub. Begierig der strahlenden Zukunft in Kansas zu entkommen, verwandelte Arthur Howitzer Jr. die Reihe seiner Reiseberichtkolumnen in The French Dispatch, einen wöchentlichen Tatsachenbericht zu den Themen Weltpolitik, Kunst, hohe und niedere, und breitgefächerte Alltagsgeschichten."

Ein Füllhorn von Geschichten

Schon die erste Szene ist ein wundersames Kunststück: Ein Tablett wird gefüllt, mit Tassen, Gläsern, Flaschen, Zigaretten und dann von einem Kellner anmutig durch Gänge und Treppenhäuser auf die Straße und über mehrere Stockwerke und Gebäudeteile wieder nach oben ins Zimmer des Herausgebers getragen.

Es ist eine der berühmten Puppenhaus-Szenen von Wes Anderson, in der man alle Bewegungen in einer Totale von außen betrachtet. Von den Redaktionsräumen schwärmen die Reporter aus, in ein Gefängnis, in dem die von Tilda Swinton gespielte Kunstkritikerin in einem Gewaltverbrecher einen begnadeten Künstler aufspürt. Der von Benicio del Toro verkörperte Kunstberserker Moses hat sein Modell in einer von Léa Seydoux gespielten Gefängniswärterin gefunden, widersetzt sich aber den Gesetzen des Kunstmarktes.

Nach etwa 25 Minuten wird die nächste Geschichte aufgeblättert, in der sich die von Frances McDormand verkörperte Reporterin Lucinda Krementz unter die jugendlichen Rebellen der 68er Studentenunruhen mischt. Timothée Chalamet spielt im Geiste der Nouvelle Vague einen existenzialistisch angehauchten Aufrührer namens Zeffirelli. Dann entführt Herbsaint Sazerac Leser und Zuschauer auf eine Fahrradtour durch die pittoreske französische Provinz. Und schließlich besucht ein spürbar an James Baldwin angelehnter Autor eine erlesene Küche in der Polizeipräfektur, wird von dort aber in den Krimi um eine Kindsentführung gezogen.

The French Dispatch: Bill Murray © 2020 Twentieth Century Fox Film Corporation
Bild: 2020 Twentieth Century Fox Film Corporation

Nostalgische Hommage an die Hochzeiten aufwändiger Reportagen

Es ist ein enormer Reichtum, den Wes Anderson hier ausbreitet. Statt wie in anderen Filmen einen elaborierten Schauplatz zu erkunden, hüpft er dieses Mal rastlos von einem zum nächsten. Statt die Geschichte einer Familie auszubreiten, folgt er den vielen Mitgliedern der redaktionellen Ersatzfamilie bei ihren Reporterabenteuern.

Enormer Überfluss herrscht auch in der Besetzungsliste, zu der sich neben den bereits Genannten auch Willem Dafoe, Mathieu Amalric, Elizabeth Moss, Saoirse Ronan, Christoph Walz und viele, viele mehr gesellen.

Als Zuschauer:in hat man das Gefühl, als würden die Seiten eines Hochglanzmagazins zu schnell durchgeblättert: Nirgendwo darf man verweilen - und was für ein Jammer, dass viele der wunderschön ausgestatteten Räume über lange Strecken nur schwarzweiß zu sehen sind.

Obwohl es immer noch enormen Spaß macht, sich einen Weg durch dieses erzählerische Labyrinth mit seiner Fülle an liebevoll ertüftelten Details zu bahnen, zerfällt der Film in seine Teile. Dabei ist "The French Dispatch" vor allem eine nostalgische Hommage an eine Form des Journalismus, die sich einen langen Atem leistet, in einer Zeit, als Herausgeber ihren Autor:innen noch den Rücken freihielten. Bill Murray, der zu den Stammschauspielern von Anderson gehört, verkörpert diesen Mann als Alter Ego eines legendären New Yorker-Herausgebers.

Anke Sterneborg, rbbKultur

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