Walchensee Forever © Flare Film
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Dokumentation - "Walchensee Forever"

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Ausgezeichnet mit den Bayerischen Filmpreis 2020 war Janna Ji Wonders Dokumentation "Walchensee Forever" letztes Jahr schon bei der Berlinale zu sehen, wo er seine Weltpremiere feierte. Jetzt kommt der Film, der im beschaulichen Bayern spielt, in die Kinos.

Da sitzt ein kleines blondes Mädchen von vier, fünf Jahren mit Blumen im Haar vor der Kamera, antwortet auf die Fragen ihrer Mutter. Schon da allerdings drängt die Kleine darauf, die Rollen zu vertauschen: sie möchte hinter die Kamera, sie möchte die Fragen stellen.

Das weibliche Familiengedächtnis

Das kleine Mädchen heißt Janna Ji Wonders und ist heute neben vielen Musikvideos auch Regisseurin so wunderbarer Dokumentationen wie "Walchensee Forever". Die Szene mit ihrer Mutter Anna steht ganz am Anfang des Films und erzählt viel von der Vertrautheit der beiden, die ihre Beziehung prägt: dem Wunsch, miteinander zu sprechen. "Walchensee Forever" ist ein Film über eine Familie und ihre Frauen – um sie vor allem geht es: um ihren Blick auf die Geschichte, um das weibliche Familiengedächtnis. Es ist eine langsame Annährung.

Walchensee Forever © Flare Film
Bild: Flare Film

Suche nach Freiheit - und Rückkehr an den Walchensee

Gemeinsam mit ihrer Mutter und der 104-jährigen Großmutter reist die Filmemacherin in die Vergangenheit. In die 1920er Jahre, als die Großmutter, damals noch eine junge schöne Frau, an der Seite ihrer Mutter ein Café am idyllischen Walchensee bewirtschaftet.

Auch in die 60er und 70er Jahre tauchen wir ein: in die Welt von Janna Jis Mutter Anna und ihrer jüngeren Schwester. Wir erfahren von Annas langjähriger Beziehung zu dem – damals die freie Liebe propagierenden, langhaarigen - Rainer Langhans; erleben, wie Anna sich von jeder gesellschaftlichen Konvention löst. Videos: sie und Langhans nackt und braungebrannt am Meer in einer Strohhütte. Auch er kommt zu Wort.

Die beiden Schwestern wollen die Enge und Beschaulichkeit Bayerns hinter sich lassen, ziehen immer weiter, suchen die Freiheit in Amerika und Mexiko. Um dann doch irgendwann zurückzukehren zu Mutter und Großmutter und dem Café am Walchensee. Anna dann mit ihrer kleinen Tochter Janna Ji.

Dialog zwischen den Generationen - schmerzhaft wie persönlich

Ihre Tante lebt schon lange nicht mehr, als die heute 43-jährige Filmemacherin sich entscheidet, diese Familiengeschichte zu erzählen, die viel mit ihr zu tun hat. Auf viele Fotos und Super 8-Aufnahmen kann Janna Ji Wolters zurückgreifen – denn Anna, ihre Mutter, hat immer schon viel fotografiert und die Kamera mitlaufen lassen. Dieses über die Jahrzehnte gesammelte Material verbindet Tochter Janna Ji hier mit gleitenden Schnitten, immer fordernd, dabei sanft und liebevoll, ohne sentimental zu werden. Und auch, ohne Unliebsames auszusparen.

Vielmehr ist "Walchensee Forever" ein sich immer mehr öffnender Dialog zwischen Janna Ji Wonders, ihrer Großmutter und ihrer Mutter: ein Dialog zwischen den Generationen, so schmerzhaft wie persönlich.

Christine Deggau, rbbKultur

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