Eine Handvoll Wasser © Daniel Dornhoefer/jip film
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Drama - "Eine Handvoll Wasser"

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Vielleicht erinnern Sie sich noch: Seinen ersten großen Triumph hatte der deutsche Schauspieler Jürgen Prochnow 1977 unter der Regie von Wolfgang Petersen in dem Schwulendrama "Die Konsequenz". Ihren gemeinsamen Erfolg toppten Regisseur und Hauptdarsteller vier Jahre später mit dem für sechs Oscars nominierten U-Boot-Kriegsdrama "Das Boot", dessen Kapitän er im Jahr 1981 verkörperte. Auch mit über 80 Jahren ist Jürgen Prochnow noch fit und drahtig. Unter der Regie von Jakob Zapf ist er jetzt in "Ein Handvoll Wasser" als griesgrämiger, einsamer Witwer zu sehen, dessen ruhiges Leben durch ein kleines Mädchen aus dem Jemen durcheinandergewirbelt wird.

Die zehnjährige Thurba und ihre beiden kleinen Brüder lümmeln auf dem Sofa, die Mutter ist eingeschlafen. Plötzlich flackern von unten die Blaulichter mehrerer Polizeiautos durch die Nacht. Um die Abschiebung der Familie zu verhindern, springt Thurba mit einem kleinen Rucksack vom Balkon und läuft durch die Nacht, bis sie am anderen Ende der Stadt im Keller eines Einfamilienhauses ein paar Stunden Schutz findet.

Das Haus gehört Konrad, der vor nicht allzu langer Zeit seine Frau verloren hat und einsam und eigenbrötlerisch lebt, jede Annäherung von seiner erwachsenen Tochter und einer zutraulichen Nachbarin weist er barsch ab. Als er den Einbruch in seinen Keller bemerkt, reagiert er ausgesprochen feindselig, missmutig, er meldet den Vorfall bei der Polizei: "Der Nächste kann sich warm anziehen", poltert er.

Eine Handvoll Wasser © Daniel Dornhoefer/jip film
Jürgen Prochnow u. Milena PribakBild: Daniel Dornhoefer/jip film

Subgenre: Kinder in Not retten alte, einsame Grantler

Es ist fast schon ein eigenes Subgenre: Geschichten von alten, knorrigen, oft auch gleich fremdenfeindlichen Männern oder Frauen, die von Schauspieler:innen wie Clint Eastwood, Elmar Wepper oder Catherine Frot gespielt werden. Mit der Welt haben sie abgeschlossen und sich in der Einsamkeit eingerichtet, bis ein kleines Kind kommt, das sie erst mal harsch von sich stoßen, von dessen Not sie sich dann aber doch erweichen lassen – natürlich zu ihrem eigenen Glück.

Auch die erste Begegnung zwischen Konrad und Thurba ist alles andere als freundlich, im Dunkeln schießt er auf sie, ist dann allerdings selber ein bisschen erschrocken über die Verletzung, die er dem Mädchen zugefügt hat und versorgt sie mit Verband und Essen. Spätestens als Thurba dann ihre Geschichte erzählt, ist es um ihn geschehen: Die vaterlose Familie ist aus dem Jemen über Bulgarien geflohen, war dort im Gefängnis und will jetzt zum Bruder der Mutter nach England weiter: "Wenn ich noch jünger wär', würd' ich euch fahren", brummt Konrad.

Geflüchtete damals und heute

Dass das Schicksal des Kindes ihn so berührt, hat auch damit zu tun, dass es Konrad an seine eigene Geschichte erinnert, als er in der Nachkriegszeit aus Schlesien fliehen musste. Genau diese Verbindung war auch für den 37-jährigen Regisseur Jakob Zapf der Auslöser seines Films: Er fragte sich, wie es sein kann, dass unsere Gesellschaft mit den Themen Flucht und Vertreibung so überfordert ist, obwohl ein großer Teil der älteren deutschen Bevölkerung diese traumatischen Erfahrungen im Krieg selbst erlebt hat? Obwohl es Fluchtbewegungen schon immer gegeben hat. Stellvertretend für viele fremdenfeindliche Deutsche öffnet sich Konrad in der unmittelbaren Begegnung mit dem geflüchteten Mädchen und profitiert auch selber seelisch.

Kleine Hommage an Jürgen Prochnow

Und dann gibt es noch eine sehr subtile Verbindung zwischen der Geschichte von Konrad und der seines Darstellers Jürgen Prochnow. Am Anfang des Films blickt er durch ein Aquarium, in dem die Fische an einem kleinen U-Boot-Modell vorbeischwimmen. Schmunzelnd erzählt Jakob Zapf, dass dieses kleine Modell nicht zufällig wie das berühmte Boot aussieht, dessen Kapitän Jürgen Prochnow vor 40 Jahren gespielt hat:

"Das ist genau dieses Modell aus dem Film 'Das Boot'. Damals sahen U-Boote, wenn sie aufgetaucht sind, noch wie richtige Schiffe aus. Und der Liebhaber, Sammler, der das bei sich zuhause als Modell auf dem Fenstersims stehen hat, war dann sehr glücklich, als er es mit Autogramm von Jürgen Prochnow wiederbekommen hat."

Anke Sterneborg, rbbKultur

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