Furia © ZDF/Nick Remy Matthews
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Thriller-Serie - "Furia"

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Im September verkündete Innenminister Horst Seehofer, dass die deutschen Sicherheitsbehörden in den vergangenen 20 Jahren mehr als 20 Anschläge vereiteln konnten. Dennoch bestehe die Terrorgefahr weiter, rund 2.000 Islamisten gelten laut Verfassungsschutz als besonders gefährlich. Das ist der Hintergrund für die deutsch- norwegische Thrillerserie "Furia", die mit u.a. Christian Berkel, Nina Kunzendorf, Ulrich Noethen und Benjamin Sadler hochkarätig besetzt ist.

Ein sympathischer junger Vater (Pål Sverre Hagen) fährt mit seinem kleinen Mädchen im Auto durch Norwegen. Für die Schönheit der Landschaft mit sich schlängelnden Straßen, verschneiten Bergen und wildromantischen Fjorden hat die kleine Tochter des alleinerziehenden Polizisten nicht viel übrig. "Ach Schatz, wir werden es hier richtig guthaben", versichert der Vater.

Worte können starke Folgen haben

Doch dann nähert sich von hinten ein bedrohlich schwarzes Motorrad, darauf eine Frau in Lederkluft. Die Art, wie Asgeir besorgt in den Rückspiegel schaut und heimlich mit der Hand nach der Waffe in der Mittelkonsole greift, erzählt von der Last einer schwierigen Vergangenheit, die bald auch in Flashback-Erinnerungen aufblitzt.

Ein Cop aus der großen Stadt sucht einen Neuanfang an einem verschlafenen Ort, an dem nie etwas passiert, an dem er unauffällig leben und sein Kind großziehen will. Doch kaum ist er da, passieren Dinge von großer Tragweite: Es gab einen Brandanschlag auf das örtliche Flüchtlingsheim und während die Heimleiterin von Brandstiftung spricht, wiegeln die lokalen Cops ab: "Vorsichtig mit solchen Worten wie Brandstiftung! Worte können starke Folgen haben."

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Nina Kunzendorf u. Benjamin Sadler in "Furia" | Bild: ZDF/Jens Harant

Nur eine leichte fiktive Überhöhung der Realität

"Worte können starke Folgen haben", das gilt in dieser Serie auf vielschichtige Weise immer wieder: bei den Cops, den Neonazis, den Undercoveragenten und sogar den Politiker:innen, die gerade mitten im Wahlkampf stehen.

Die Fremdenfeindlichkeit zieht weite Kreise - vom verschlafenen Ort in Norwegen durchs Netz bis in die Metropole Berlin: "Wir haben etwas sehr Großes vor, es wird die Welt verändern", kündigt der von Ulrich Noethen gespielte Drahtzieher der Terrorzelle an. "Wir haben eine rechtsextreme Zelle in Norwegen infiltriert", berichtet die norwegische Ermittlerin ihrer Kollegin im deutschen Innenministerium.

Die Serie bewegt sich ganz nah an der Realität, die Serienschöpfer Gjermund Eriksen im Grunde nur ein bisschen weiterspinnt. Und ganz ähnlich wie in dem aktuellen Spielfilm "Je Suis Karl", geht es auch in "Furia" darum, dass Rechtsextreme auf perfide Weise islamistischen Terror vortäuschen, um Stimmung für ihre rechtsradikale Ideologie zu machen.

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Ulrich Noethen in "Furia" | Bild: Furia © ZDF/Boris Laewen

Der schwankende Boden, auf dem sich Undervoceragent:innen bewegen

Die große Stärke der Serie liegt in ihrem raffinierten Spiel mit Vieldeutigkeiten. In besonderer Weise gilt das für die norwegische Geheimagentin Ragna (Ine Marie Wilmann), die als titelgebende Furia einen Blog veröffentlicht, der ihr das Vertrauen der rechtsradikalen Szene verschaffen soll, dessen Worte aber immer wieder doppeldeutig interpretierbar sind: "Wahrheit, ich bin wie du", schreibt sie da. "Ich habe Angst vor der Zukunft, wegen der Vergangenheit."

Im Blog soll der Satz die Angst vor den Fremden schüren, aber er stimmt auch aus Ragnas persönlicher Perspektive, die in Utøya ihre kleine Schwester verloren hat.

Tiefgreifende Co-Produktion

Großartige deutsche Schauspieler:innen wie Ulrich Noethen als Drahtzieher der rechtsradikalen Zelle, Nina Kunzendorf als Abteilungsleiterin für öffentliche Sicherheit im Innenministerium, August Diehl als geheimnisvoller Verbündeter der rechtsradikalen Szene oder Christian Berkel als Innenminister im Wahlkampf um die Kanzlerschaft lassen ihre Rollen vielschichtig oszillieren, genau wie ihre norwegischen Kolleg:innen.

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"Furia": Ine Marie Wilmann | Bild: ZDF/Nick Remy Matthews

Ragna leidet unter dem Dilemma aller Undercover-Agent:innen: Um das Vertrauen der Neonazis zu gewinnen, muss sie eine Freundschaft vorspielen, die auf hochspannende Weise ihre eigene Dynamik entwickelt. Dabei muss sie sich auf eine gefährliche Gratwanderung einlassen, bei der es immer wieder um Leben und Tod geht.

Ähnlich wie die Serie "Arctic Circle" ist auch "Furia" der Glücksfall einer schlüssigen paneuropäischen Co-Produktion, mit Schauplätzen, die die Erzählung prägen und mit Schauspieler:innen, die aus beiden Ländern kommen - nicht weil es die Förderrichtlinien diktieren, sondern weil ihre Zusammenarbeit über die Grenzen hinweg in der Geschichte verwurzelt ist.

Im Kampf gegen den Terrorismus aus allen Lagern hat das demokratische Europa nur dann eine Chance, wenn sich die Ermittler:innen genauso vernetzten wir die Terroristen.

Die von Lars Kraume und dem Norweger Magnus Martens inszenierten acht Folgen werden ab dem kommenden Sonntag (7.11.) in Doppelfolgen im ZDF ausgestrahlt und sind in der ZDF-Mediathek verfügbar.

Anke Sterneborg, rbbKultur

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