"Drive My Car" © Rapid Eye Movies/kinofreund.de
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Drama - "Drive My Car"

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Haruki Murakami ist einer der bekanntesten Schriftsteller Japans. Seine Bücher handeln meist von Außenseitern: Menschen mit einem komplizierten Innenleben und einem gestörten Verhältnis zur Außenwelt. Kein Stoff also, den man leicht verfilmen könnte. Sein Landsmann Ryusuke Hamaguchi hat sich davon nicht abhalten lassen. Er hat aus der Murakami-Kurzgeschichte "Drive my Car" einen dreistündigen Spielfilm gemacht über die Reise eines Mannes zu sich selbst.

Yusuke Kafuku (Hidetoshi Nishijima) ist Schauspieler und Theater-Regisseur. Ein einsamer Mann Anfang 50, der vor zwei Jahren seine geliebte Ehefrau Oto (Reika Kirishma) verloren hat. Die beiden hatten ein sehr inniges Verhältnis. In ihren intimsten Stunden haben sie sich immer Geschichten erzählt, die Oto anschließend als Drehbücher ans Fernsehen verkauft hat. Kurz vor ihrem Tod allerdings muss Kafuku erfahren, dass seine Frau ihn betrügt, mit anderen, jüngeren Männern, die sie bei ihrer Arbeit kennenlernt. Aus Angst, sie zu verlieren, spricht er sie jedoch nie darauf an.

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Hidetoshi Nishijima u. Toko Miura | Bild: Rapid Eye Movies/kinofreund.de

Drei Kurzgeschichten in einem Film

Mit diesem fast 40-minütigen Prolog beginnt Ryusuke Hamaguchi seinen Film, der auf drei unterschiedlichen Kurzgeschichten von Haruki Murakami basiert, alle drei aus dem Buch "Men without women".

Zwei Jahre nach dem Tod seiner Frau ist Kafuku noch immer nicht über den Verrat und seine nie ausgesprochene Enttäuschung hinweg. Er fährt in seinem roten Saab durch die Gegend und lauscht dabei alten Kassetten mit der Stimme seiner Frau, die diese einst für seine Theater-Inszenierungen eingesprochen hat.

Großes Kino

Erst als er eingeladen wird, bei einem Theater-Festival in Hiroshima Tschechows "Onkel Wanja" zu inszenieren, kommt wieder Bewegung in sein Leben. Beim Casting für die Aufführung trifft er auf Koji Takatsuki (Masaki Okada), einen jungen Schauspieler, der vermutlich der letzte Liebhaber seiner Frau war - und er lernt Misaki (Tôko Miura) kennen, eine junge Frau, die ihm als Fahrerin zugewiesen wird und die ebenfalls ein dunkles Geheimnis mit sich herumträgt.

Behutsam und mit ruhigen Kameraeinstellungen entfaltet Ryusuke Hamaguchi aus dieser Grundkonstellation ein Tableau, auf dem seine Hauptfigur sich seiner Vergangenheit stellen kann. Wie Hamaguchi dabei nach und nach, Schicht um Schicht, die seelischen Nöte seiner Protagonisten entblättert, das ist großes Kino.

"Onkel Wanja" als Kulisse

Seinen Triumph verdankt dieser Film aber auch seinen Darsteller:innen. Hidetoshi Nishijima ist großartig in seiner Mischung aus Diskretion und Höflichkeit – japanische Kardinaltugenden – und einem inneren Brodeln, in dem sich Trauer, Wut, Eifersucht und der Wunsch nach Rache zu einer ungesunden Mixtur hochkochen. Auch die anderen Schauspieler:innen muss man loben: Tôko Miura als einfühlsamer Tochter-Ersatz oder Masaki Okada als überraschend sympathischer Nebenbuhler - sie alle tragen zum Gelingen der Geschichte bei.

Überhaut ist "Drive my Car" letztlich ein Ensemblefilm, schon allein deshalb, weil ein Theaterstück – Tschechows "Onkel Wanja" in einer sehr eigenwilligen Inszenierung – die Kulisse bietet, vor dem sich die Geschichte entfaltet.

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Hidetoshi Nishijima | Bild: Rapid Eye Movies/kinofreund.de

Japanischer Oscar-Kandidat

Bei seiner Festival-Premiere in Cannes wurde der Film mehrfach ausgezeichnet und ist nun auch nominiert als japanischer Beitrag für den Oscar. Tatsächlich ist Ryusuke Hamaguchi etwas Außergewöhnliches gelungen - etwas, an dem vor ihm viele andere Filmemacher:innen gescheitert sind: Er schafft es, der komplexen Innenwelt der Murakami-Charaktere gerecht zu werden.

"Drive my Car" ist nicht kitschig, nicht reißerisch, nicht auf die große Katharsis ausgerichtet oder das tränenreiche Happy End. Stattdessen geht es in diesem Film um die Zwischentöne, um menschliche Erkenntnis.

Während der Abspann läuft, bleibt vor allem eine tiefe Ruhe beim Betrachter zurück. Und das Gefühl, etwas verstanden zu haben.

Carsten Beyer, rbbKultur

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