"Frau im Dunkeln" von Maggie Gyllenhaal: Olivia Colman als Leda © Netflix
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Drama - "Frau im Dunkeln"

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Der Welterfolg ihrer vierbändigen Neapel-Saga über die Freundschaft zweier Frauen hat die immer noch unter Pseudonym schreibende italienische Schriftstellerin Elena Ferrante berühmt gemacht. Während die Saga inzwischen als Serie verfilmt wurde und bei den Kritiker:innen auf wenig Begeisterung stieß, legt die Schauspielerin Maggie Gyllenhaal mit der Verfilmung von Ferrantes Roman "Frau im Dunkeln" jetzt ihr Regie-Debüt vor.

In der Hauptrolle Oscarpreisträgerin Olivia Colman, die schon sehr besonders ist. Man glaubt ihr unbenommen alles, es gibt keinen Bruch zwischen der Schauspielerin und ihren Figuren. Ob als alternde Queen in "The Crown", als verzweifelt-irre Königin Anne in "The Favourite" – eine Rolle, für die sie 2019 den Oscar bekam - oder als Tochter von Anthony Hopkins in "The Father". Um nur ein paar Rollen aus der letzten Zeit zu nennen, die sie allesamt großartig ausfüllt.

"Frau im Dunkeln" von Maggie Gyllenhaal: Olivia Colman als Leda © Netflix
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Eine Frau, die Ruhe und das Alleinsein sucht - und jede Distanz verliert

Nun also spielt sie Leda Caruso: die "Frau im Dunkeln". Eine Professorin, die Urlaub auf einer griechischen Insel macht. Sie sucht die Ruhe und das Alleinsein, genießt es, am Strand in der Sonne zu liegen, ein bisschen zu lesen, abends alleine irgendwo zu essen.

Eines Tages aber schlägt an "ihrem" kleinen Strand eine Großfamilie auf. Eine junge Mutter mit ihrer kleinen Tochter, einer schwangeren Schwägerin und diversen Männern, die offensichtlich das große Geld haben. Und Leda, die doch eigentlich kam, um hier Ruhe zu haben, verliert - irgendwo zwischen abgestoßen und fasziniert - jede Distanz.

"Frau im Dunkeln" von Maggie Gyllenhaal: Dakota Johnson als Nina © Netflix
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Eine Anziehung, die Erinnerungen auslöst

Sie, die sich sonst mit niemandem gemein macht und auch hier zunächst sperrig bis unfreundlich ist, gibt ihre Rolle der Beobachterin auf. Klinkt sich ein, zeigt sich hilfsbereit und interessiert. Trotz aller sichtbaren Unterschiede zwischen Leda und den beiden Frauen scheint da eine große Attraktion zwischen der älteren, etwas biederen Professorin im "Arbeitsurlaub" und vor allem der jungen sexy Mutter, die von ihrer kleinen Tochter überfordert und genervt ist.

Was es damit auf sich hat, worin die gegenseitige Anziehung besteht, erschließt sich nicht wirklich. Man muss es einfach als gesetzt nehmen. Klar ist, Leda identifiziert sich mit dieser Nina. Sie löst Erinnerungen an sich selbst als Mutter in ihr aus, die sich langsam vor das Erleben am Strand schieben.

Eine unvorstellbare Tat - grotesk, fast absurd

Und dann lässt Leda sich zu einer unvorstellbaren Tat hinreißen: Sie klaut dem kleinen Mädchen seine Puppe. Das ist grotesk, fast absurd: Eine kultivierte Intellektuelle, die sich ohne Skrupel an dem Glück eines kleinen Kindes vergeht.

Dem kleinen Mädchen nämlich bricht der Verlust ihrer Puppe das Herz, sie hört gar nicht mehr auf zu weinen und zu schreien. Während die Familie Wald und Strand mit "Puppe-vermisst-Zetteln" plakatiert, hegt und pflegt die Diebin Leda ihre Beute.

Hadern mit der eigenen Mutterschaft

Diese Puppe ist sozusagen Dreh- und Angelpunkt dieser Geschichte. Ein Synonym für Kindheit, Liebe, Mädchensein, Fürsorge. Sie führt uns zu Ledas Schwachstelle, von der wir in den immer dominanter werdenden Rückblenden erfahren: zu ihrer eigenen Mutterschaft. Mit der sie gehadert hat, der sie sich verweigert hat, mit der sie heute noch hadert.

"Frau im Dunkeln" von Maggie Gyllenhaal: Jessie Buckley als junge Leda © Yannis Drakoulidis/Netflix
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"Frau im Dunkeln" - ein treffender deutscher Titel

"Lost Daughter" heißt der Film im Original, das Buch von Elena Ferrante erschien unter dem Titel "La figlia oscura". Der deutsche Titel "Frau im Dunkeln" trifft es in mehrfacher Hinsicht: denn genau so wie die Motive der Hauptfigur für das, was sie tut, im Dunkeln bleiben, ist Leda nicht wirklich greifbar – weder heute, als attraktive und gesellschaftlich erfolgreiche Endvierzigerin am Strand, noch als junge Mutter zweier Töchter, von denen sie sich damals hoffnungslos überfordert fühlte. Ähnlich wie die junge Mutter am Strand.

Vielleicht könnte man den deutschen Titel "Frau im Dunkeln" auch allgemeingültiger fassen: stellvertretend für die Frauen und Mütter, die ihr Leben in den Dienst ihrer Kinder geben, weitestgehend selbstlos und selbstverständlich, bleibt die Frau hinter dem Muttersein unsichtbar, im Dunkeln verborgen.

"Frau im Dunkeln" von Maggie Gyllenhaal: Olivia Colman als Leda © Neflix
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Olivia Colman schafft unauslöschliche Bilder

Für ihr Regiedebüt hat sich die renommerte Schauspielerin Maggie Gyllenhaal selbstbewusst einen sehr komplexen Stoff vorgenommen, für das Drehbuch wurde sie dieses Jahr beim Filmfestival in Venedig zurecht ausgezeichnet.

Es ist ein schwieriger Stoff, schon allein deshalb, weil es keine wirkliche Sympathieträgerin gibt und das Original in der Ich-Perspektive geschrieben ist. Gyllenhaal bleibt bis auf wenige Veränderungen dicht am Buch, begleitet die Figur der Leda in eleganten Bildern durch die verschiedenen Zeitebenen und emotionalen Zustände.

Dabei wird sie von einem starken Cast unterstützt: Ed Harris, Dakota Johnson, Jesse Buckley. Allen voran aber Olivia Colman, die selbst, wenn sie nur auf dem Liegestuhl liegt und ein Eis isst, unauslöschliche Bilder schafft.

Christine Deggau, rbbKultur

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