Monobloc © Salzgeber & Co. Medien GmbH
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Dokumentation - "Monobloc"

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Über eine Milliarde stapelbare Plastikstühle gibt es weltweit. Er ist das meistverkaufte Möbelstück der Welt. Häßlich. Billig. Noch nicht mal bequem. Der "Monobloc". Für viele der Inbegriff unserer Wegwerfgesellschaft. Von vielen geliebt. Von vielen gehasst. Schlicht "Monobloc" nennt nun auch der Hamburger Filmemacher Hauke Wendler seine Dokumentation.

Hauke Wendler, Regissuer: "Habe mich hingesetzt und ist abgebrochen, ich bin auf den Rücken gefallen und musste ins Krankenhaus. Und deswegen: Sehe ich Plastik, sehe ich rot! – Ich verstehe bis heute nicht, warum es die überhaupt noch gibt. Dass die überhaupt noch gefertigt werden. Warum ist da nicht jemand dabei und sagt: nee, nicht mehr!"

"Wenn man Filme macht, sucht man ständig nach Geschichten. Nach großartigen Bildern und bewegenden Momenten. Wenn man dabei über einen Plastikstuhl stolpert, bricht niemand in Jubelstürme aus. Da denkt keiner: Wow! Das hier wird ein Film!"

Hauke Wendler, Regisseur

Langsame Annährung an einen Stuhl

Im Mittelpunkt der Dokumentation steht dieser Stuhl – von dem Regisseur Wendler sich gleichermaßen hingezogen wie abgestoßen fühlt, dessen Eroberungszug seit Jahrzehnten ungebrochen währt. Und obwohl allein das ja schon eine Geschichte ist, hadert der Filmemachert doch immer wieder und fragt sich, ob das Thema, das er da gewählt hat, wirklich das richtige ist. So werden seine eigenen Überlegungen Teil des Films, Teil der langsamen Annährung an einen Stuhl.

Eine faszinierende Geschichte, die durch die halbe Welt führt

Es wurde ein Film. Einer, für den Wendler nicht nur großartige Bilder gefunden hat, er erzählt auch eine faszinierende Geschichte, die ihn durch die halbe Welt führt.

Sie beginnt in Norditalien. Im Piemont. Hier besucht der Filmemacher drei ältere Herren in lila Pullovern. Sie sind Brüder. In den 60er Jahren gründeten sie eine Firma für Plastikprodukte, die bald aber nur noch diesen Plastikstuhl produzieren sollte. Gefertigt aus einem Guss, besteht der Monobloc zu 100% aus dem Kunststoff Polypropylen. Seine Herstellung dauert gerade mal 50 Sekunden. Dieser Stuhl hat die drei Brüder reich gemacht. Sie hatten, wie der Älteste erzählt, "ein bisschen Glück" gehabt.

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Sitzmöbel-Revolution

Ihr Glück war auch, dass der eigentliche Erfinder des Monobloc, der Franzose Henry Massonet, seinen Plastikstuhl nie hat patentieren lassen. Das Glück des Regisseurs: bei seinen Recherchen alte Aufnahmen von Massonet zu finden, einem sympathischen Erfinder, der seine Plastikmöbel zuhause bei sich lagerte.

Heute ist der Monobloc nicht nur auf den Straßen oder in Gärten zu finden, sondern auch im Museum. Er hat die Welt des Sitzmöbels revolutioniert.

Plastikschrott, Designobjekt und ein Stück Freiheit

Und seine Geschichte ist noch lange nicht zu Ende. Da ist der Plastikschrott, den diese Stühle verursachen. Nichtsdestotrotz wird er weiter gebaut, werden in Indien Plastikstühle als edle Designobjekte gehandelt. Und in Afrika, da gibt es wieder einen ganz anderen Zugang zu dem Monobloc. Was wieder alles in ein ganz anderes Licht rückt.

Menschen, die nicht mehr laufen können, darauf angewiesen sind, dass die Familie sie im wahrsten Sinne des Wortes mitschleppt – ihnen allen gibt der Monobloc ein Stück Freiheit zurück. Wie ein Pastor, der selbst auf den Rollstuhl angewiesen ist, sagt: "Wir in Uganda wissen, dass das Leben nicht zu Ende ist, wenn wir keine Elektrizität oder nichts zu essen haben. Und erst recht nicht, wenn unser Rollstuhl aus einem Plastikstuhl gebaut ist."

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Kleine Geschichten, die den Film besonders machen

Oder das Glück der Großmutter, die sich Dank des zusammengebauten Rollstuhls nach Jahren erstmals wieder eigenständig bewegen kann – das sind Bilder, die man nicht mehr vergisst. Es sind diese kleinen Geschichten, es sind die ästhetisch ansprechenden Bilder und der leichte feuilletonistische Ton, in dem Hauke Wendler über den "Monobloc" raisoniert, die seinen Film so besonders machen. Und den Monobloc zu einem Stuhl, über den man anders denken wird, nachdem man diese Dokumentation gesehen hat.

Christine Deggau, rbbKultur

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