Ballade von der weißen Kuh © Weltkino Filmverleih
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Drama - "Ballade von der weißen Kuh"

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Seit der islamischen Revolution im Jahr 1979 wird die Todesstrafe in Iran als Instrument der Unterdrückung und Einschüchterung gegen Regimekritiker aller Art eingesetzt. Mindestens 246 Menschen wurden dort laut Amnesty International im Jahr 2020 hingerichtet. Filmemacher, die davon erzählen, werden mit Arbeits- und Reiseverbot belegt. Auch die beiden jungen Regisseur:innen Maryam Moghadam und Betash Sanaeeha beschäftigen sich in ihrem Film "Ballade von der weißen Kuh" mit den Auswirkungen der Todesstrafe auf Opfer wie Täter.

In ihrem Film "Ballade von der weißen Kuh“, der im letzten Jahr im Wettbewerb der Berlinale Premiere feierte, entfalten die beiden Regisseur:innen ihr großes, menschliches Drama - wie so oft im iranischen Kino - mit größtmöglicher Ruhe und Unaufgeregtheit. Gerade dadurch machen sie die emotionalen Erschütterungen umso intensiver spürbar.

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Gottes Wille

"Am Anfang des Films geht Mina ins Gefängnis, um sich am Tag der Hinrichtung von ihrem Mann zu verabschieden. Danach beginnt ihr schwerer Alltag als berufstätige und alleinerziehende Mutter eines taubstummen Mädchens. Sie erträgt die Strapazen dieses Lebens klaglos. Wirklich entsetzt ist sie erst, als sie erfährt, dass sich der wahre Mörder gestellt hat und ihr Mann umsonst gestorben ist:

"Uns ist ein Irrtum unterlaufen", sagt der Beamte, der sie einbestellt hat: "Das tut uns sehr leid. Es ist uns klar, dass nichts den Ehemann und Vater ersetzen kann, aber sicher ist, dass es Gottes Wille war. Alle Richter haben dasselbe Urteil gefällt. Es muss Gottes Wille gewesen sein. Es gibt keine Fehler im heiligen Koran."

Hinter dem Argument, dass alles was geschieht, egal wie groß das Unrecht ist, von Gott so gewollt sei, verstecken sich die Verantwortlichen. Eine lächerliche Entschädigungssumme soll sie bekommen, doch Mina beharrt auf einer öffentlichen Entschuldigung, einem Schuldeingeständnis der Verantwortlichen, einer Unschuldsfeststellung für ihren Mann.

Dabei wirkt der Film ein bisschen so, als würde er die Fäden von Mohammad Rasoulofs "Und das Böse gibt es nicht" weiterspinnen. Denn auch die beiden jungen Filmemacher:innen interessieren sich für die moralischen Dilemmata, mit denen auch die Vollstrecker der harten Gesetze ringen.

Sündenbock und Opfertier

Die weiße Kuh des Titels ist gleich in der allerersten Szene zu sehen, sie steht allein in einem riesigen Gefängnishof, umringt von schwarz gekleideten Gestalten. Die Szene ist eine vieldeutige Anspielung auf die zweite Sure des Koran, die als "Sure der Kuh" bekannt ist und wesentliche Grundlage für die iranische Rechtsprechung darstellt. Die Kuh, die in vielen Religionen als Opfertier dient, gilt in der Scharia als Wiedergutmachung für erlittenes Unrecht.

Die unschuldige weiße Kuh im leeren Hof, umringt von schwarz verhüllten Gestalten, das ist ein starkes Bild am Anfang und am Ende des Films. Es ist der Rahmen, in dem sich das Drama abspielt. Minas Mann als sinnloses Opfer eines Justizirrtums.

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Schuld, Reue und Vergebung

Frauen haben in der iranischen Gesellschaft kaum Rechte, als Witwe und alleinerziehende Mutter steht Mina an der untersten Stufe der Gesellschaft, überall wird sie misstrauisch beäugt, sie erlebt wenig Hilfe und Solidarität, bei der ersten Gelegenheit wird ihr die Wohnung gekündigt und die Familie ihres Mannes fordert das Sorgerecht für ihr Kind.

Sie schlägt sich durch, erträgt klaglos und demütig die größten Zumutungen. Doch dann klingelt es eines Tages an ihrer Haustür, ein Mann stellt sich als Reza vor, ein Freund ihres Mannes, der ihm Geld schulde. Mina ist überrascht, freut sich über das Geld: "Das verlangt der Anstand", sagt der Fremde, "wer besitzt heute noch Anstand?" kontert Mina.

Ballade von der weißen Kuh © Weltkino Filmverleih
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Reza wird zu einer Art Schutzengel für Mina und ihre Tochter, er überlässt ihr eine günstige Wohnung, organisiert Hilfe, unterstützt sie. Ganz behutsam und sehr zurückhaltend entwickelt sich daraus eine zarte Liebesgeschichte, doch als Zuschauer:in weiß man da schon, dass Reza ein dunkles Geheimnis hat. Je näher sich die beiden kommen, desto schwerer wird es, reinen Tisch zu machen in dieser Geschichte von Schuld, Reue und Vergebung, die einem das Herz zunehmend zuschnürt.

Eine sehr persönliche Geschichte

Gespielt wird Mina von Maryam Moghadam, die zusammen mit ihrem Lebensgefährten Betash Sanaeeha auch das Drehbuch geschrieben und Regie geführt hat. Im Film erzählt sie eine sehr persönliche Geschichte, denn auch ihr Vater wurde hingerichtet, als sie 12 Jahre alt war, danach musste sie mit ihrer Mutter nach Schweden flüchten.

Die "Ballade von der weißen Kuh" ist vor allem eine Liebeserklärung an ihre Mutter, die ebenfalls Mina heißt. Und vielleicht liegt es auch daran, dass sie sie auf so besondere Weise verkörpert, in einer ganz feinen Mischung aus Sanftmut und Zähigkeit, aus Tapferkeit und Widerstandskraft. Allein durch ihr Spiel wird dieser leise Film zu einer kraftvollen Verteidigung der Menschlichkeit gegen ein unerbittliches System.

Anke Sterneborg, rbbKultur

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