Ruth Beckermann, Regisseurin © Piero Chiussi / Berlinale 2022
Piero Chiussi / Berlinale 2022
Bild: Piero Chiussi / Berlinale 2022 Download (mp3, 6 MB)

Berlinale "Encounters" - Spannender als der Hauptwettbewerb

Auch im dritten Jahr seines Bestehens kämpft der Wettbewerb "Encounters" in der öffentlichen Wahrnehmung weiterhin um seine Berechtigung. Sind das nicht alles Filme, die sich auch gut im Hauptwettbewerb gemacht hätten? Warum seit 2020 ein zweiter Berlinale-Wettbewerb?

Vor Jahren wäre die Antwort simpel gewesen: Die Filme, die "Encounters" zeigt, hätten unter früheren künstlerischen Leitern der Filmfestspiele Berlin nicht wirklich in die damals doch eher kommerziell, auf ein großes Publikum ausgerichtete internationale Konkurrenz um den Goldenen Bären gepasst. Doch dem ist seit Antritt von Carlo Chatrian als Chef nicht mehr so. Arthouse-Kino allüberall.

Arthouse-Kino allüberall? Nicht mehr.

Aber: In diesem Jahr gab es bei "Encounters" – dem Namen "Begegnungen" entsprechend – im Vergleich zum Hauptwettbewerb mehr formal Gewagtes, erzählerisch Experimentelleres, auch für Arthouse-Film-Fans Ungewohntes. Wer an Außergewöhnlichem interessiert ist, war beim "Encounters"-Wettbewerb besser aufgehoben als bei den Filmen, die um den Goldenen Bären konkurriert haben.

Die fünfzehn Beiträge des 2022er "Encounters"-Jahrgangs, zwischen 80 und 135 Minuten lang, eint der Mut zum stilistischen Risiko. Sperrig ist vielleicht d a s Attribut für die Auswahl. Interessanterweise sind die hier gezeigten Filme dazu oft sehr deutlich von politisch-aufklärerischen Intentionen getragen. Was nicht heißt, dass vordergründige Agitation den Ton angibt. In der Regel geht’s hintergründig zu. Doch die gesellschaftlich relevanten Fragen sind in hohem Maße dominant.

Mutzenbacher © Ruth Beckermann Filmproduktion"Mutzenbacher" von Ruth Beckermann

Der Preis an den besten Film war weithin erwartet worden

Was die dreiköpfige Jury mit ihren Entscheidungen gewürdigt hat. Zum besten Film hat sie, wie von vielen erwartet und berechtigterweise, "Mutzenbacher" aus Österreich erkoren.

Die jetzt 70-jährige Wiener Dokumentarfilmerin und Autorin Ruth Beckermann konfrontiert darin vor laufender Kamera und Mikrofon einhundert per Zeitungsaufruf gefundene Männer unterschiedlichsten Alters und verschiedenster sozialer Herkunft mit dem 1906 anonym publizierten Roman "Josefine Mutzenbacher", einem berühmt-berüchtigten pornografischen Text.

Im Film nun tragen die Männer Ausschnitte aus dem Buch vor und beantworten dazu Fragen zu ihren eigenen sexuellen Erfahrungen und Praktiken. Dabei kommt manch Irritierendes und auch Verstörendes heraus. Doch Ruth Beckermann setzt nicht auf Ekel- , sondern auf Aha-Effekte. Wie nebenbei werden verkrustete männliche Vorstellungen von weiblicher Sexualität und, darüber hinaus, vom Verhältnis der Geschlechter untereinander reflektiert. Damit wird die Gefährlichkeit althergebrachter und immer noch weithin wirkender Rollenmuster entlarvt. Der Clou: Das ist stellenweise amüsant und unterhaltend. Sehr wirkungsvoll.

Man geht vor allem mit Fragen an sich selbst und an gesellschaftliche Gegebenheiten nach Hause.

Ein Schmankerl für Kino-Enthusiasten

Besondere Freude für eingefleischte Film-Fans: der Spezialpreis der Jury an "À vendredi, Robinson" von Mitra Farahani. Die aus dem Iran stammende Regisseurin bringt zwei Große der Regie zueinander: Jean-Luc Godard aus Frankreich und Ebrahim Golestan aus dem Iran. Sie kommen nicht real zueinander, sondern über eine Korrespondenz.

À vendredi, Robinson © Écran noir productions
" À vendredi, Robinson" von Mitra Farahani | Bild: Écran noir productions

Ihre Emails sind wunderbare Kunstwerke, gespickt mit witzigen, ernsthaften, philosophischen Bemerkungen, dazu Fotos, kurze Filme, Zeichnungen. Es entsteht eine überaus gedankenreiche Korrespondenz. Wie nebenbei offenbaren die Beiden ihr Innerstes, ihre Weltsichten – und lassen auch Einblicke in den durchaus schmerzlichen Prozess des Alterns zu. Das ist so faszinierend wie berührend.

Spannende gesellschaftspolitische Fragen originell beleuchtet

"Unrueh" vom Schweizer Regisseur Cyril Schäublin, ausgezeichnet mit dem Regie-Preis, gehörte zu den originellsten Filmen dieses Berlinale-Jahrgangs überhaupt. Anarchisten mischen eine Schweizer Uhrenfabrik auf, im späten 19. Jahrhundert. Die Arbeiterinnen und Arbeiter sind hin und her gerissen zwischen Anpassung und Aufbegehren. Die Bewegung des Anarchismus bietet ihnen Orientierung. Aber auch die Chance auf soziale Umgestaltungen?

Unrueh © Seeland Filmproduktion
"Unrueh" von Cyril Schäublin | Bild: Seeland Filmproduktion

Der kluge Kostümfilm offeriert ein tiefes Nachdenken über den Gang der Zeit, und darüber, wie Einzelne genau diesen Gang, wenn auch vielleicht nicht ändern, so doch strukturieren können. Da wird ein aufschlussreicher Blick in die europäische Historie zum Tableau ganz gegenwärtiger Fragen und Probleme.

Besonderer Erfolg des "Encounters"-Wettbewerbs: Die über diverse Sektionen und Wettbewerbe blickende Jury zur Vergabe des Preises an den besten Erstlingsfilm hat einen Film aus dem "Encounters"-Wettbewerb gewählt: "Sonne", das Spielfilmdebüt der jungen Regisseurin Kurdwin Ayub.

Sonne © Ulrich Seidl Filmproduktion
"Sonne" von Kurdwin Ayub | Bild: Ulrich Seidl Filmproduktion

Sie stammt aus dem Irak, lebt und arbeitet seit Jahren in Wien. Mit einer überaus lebendigen, gern auch wilden Kamera blickt sie auf eine junge Kurdin in Wien. Ein Musikvideo von ihr und ihren Freundinnen im Internet löst einige hitzige Diskussionen über kulturelle Identität, Tradition, Selbstbestimmung aus. Dabei besticht die ans Dokumentarische erinnernde Lakonie der Erzählung, die sich zu einem großen Gesellschaftspanorama weitet. Besonders reißt die unverkrampfte Frische des Erzähltons mit. Sie gibt dem Film das Besondere, dass ihn aufs Schönste aus dem Rahmen fallen lässt.

Was generell das "Encounters"-Programm geprägt hat – das Aus-dem-Rahmen-fallen.

Noch bis zum Sonntag sind verschiedene Filme aus dem "Encounters"-Wettbewerb in Berliner Kinos zu sehen.

Peter Claus, rbbKultur

Mehr

Publikum im Delphi-Filmpalast bei der Berlinale © Jens Kalaene
dpa-Zentralbild

Berlinale | 10. - 20. Februar 2022 - 72. Internationale Filmfestspiele Berlin

Nach den Preis-Verleihungen geht die Berlinale noch mit den Publikumstagen bis Sonntag. Wegen der Pandemie wurden die Bären diesmal früher verliehen als üblich, auf Parties wurde verzichtet, und in den Kinos durfte nur die Hälfte der Plätze besetzt werden. 18 Filme waren im Wettbewerb. Filmtipps, eine Bilanz der vergangenen Tage und Film-Rezensionen finden Sie hier.

weitere rezensionen

So-seol-ga-ui yeong-hwa / The Novelist’s Film © Jeonwonsa Film Co. Production
Jeonwonsa Film Co. Production

Drama | Berlinale Wettbewerb - "The Novelist’s Film" ("So-seol-ga-ui yeong-hwa")

Eine Schriftstellerin mit Schreibblockade und eine Schauspielerin, die sich vom Filmgeschäft zurückgezogen hat. In "So-seol-ga-ui yeong-hwa" beschäftigt sich der südkoreanische Regisseur Hong Sansoo mit Fragen der künstlerischen Identität und dreht sich dabei kräftig um sich selbst.

Bewertung:
Leonara Addio © Umberto Montirol
Umberto Montirol

Drama | Berlinale Wettbewerb - "Leonora addio"

Die Brüder Paolo und Vittorio Taviani gehören zu den Stammgästen der Berlinale, ihren ersten Film zeigten sie hier schon vor 50 Jahren - damals noch im Forum. Mit dem Film "Cäsar muss sterben" über die Inszenierung eines Shakespeare-Stückes im Hochsicherheitsgefängnis, holten sie 2012 den Goldenen Bären nach Italien. Vittorio Taviani ist 2018 gestorben, seitdem dreht Paolo Taviani, immerhin auch schon 90 Jahre alt, alleine weiter und stellt jetzt sein neuestes Werk "Leonora addio" wieder auf der Berlinale vor.

Bewertung:
Alcarràs © LluisTudela
LluisTudela

Drama | Berlinale Wettbewerb - "Alcarràs"

"Alcarràs" erzählt die Geschichte einer Familie im ländlichen Katalonien, die ihre Lebensgrundlage verliert, weil ihre Plantage einer Solaranlage weichen muss. Dabei zeigt die spanische Regisseurin Carla Simón ein gutes Gespür für die Menschen und die Stimmung in ihrer Heimat.

Bewertung: