La Ligne © 2022 BANDITA FILMS / LES FILMS DE PIERRE / LES FILMS DU FLEUVE / ARTE FRANCE CINEMA / RTS / RTBF (Télévision belge) / VOO et BE TV
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Drama | Berlinale Wettbewerb - "La Ligne"

Bewertung:

Im Zentrum der Filme der französisch-schweizerischen Regisseurin und Schauspielerin Ursula Meier stehen meist extreme Familienkonstellationen. Bei der Berlinale ist sie quasi Stammgast. Für ihren Film "Winterkind" hat sie vor zehn Jahren, 2012, bereits einen Silbernen Bären gewonnen, in diesem Jahr läuft nun "La Ligne" im Wettbewerb.

Die titelgebende Linie wird per Gerichtsbeschluss zwischen einer jungen Frau und ihrer Familie gezogen. Der fängt schon sehr extrem, aber auch sehr ästhetisch an: In der ersten Szene, noch unter den Titeln, werden allerlei Einrichtungs-und Haushaltsgegenstände malerisch und in Zeitlupe gegen eine weiße Wand geschleudert, Gläser, Vasen, Flaschen zerschellen, Schallplatten und Notenblätter flattern durch die Luft.

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"La Ligne" | Bild: 2022 BANDITA FILMS / LES FILMS DE PIERRE / LES FILMS DU FLEUVE / ARTE FRANCE CINEMA / RTS / RTBF (Télévision belge) / VOO et BE TV

Symptom einer tiefgreifenden Zerrüttung

Dann nimmt die Kamera eine zierliche Frau in den Blick: Margaret, die wirklich außer sich, berstend vor Wut auf ihre Mutter losgehen will, von zwei stattlichen Männern kaum gebändigt werden kann. Man fragt sich, was diese unbändige Wut ausgelöst hat, man denkt an ein schlimmes Eifersuchtsdrama, doch nach einer Weile stellt sich dann heraus, dass der Auslöser gar keine so große Sache ist.

Dennoch ist der ganze Ausbruch Symptom einer tiefgreifenden Zerrüttung dieser Familie, der Ursula Meier dann sehr geduldig und langsam auf den Grund geht. Stückchen für Stückchen setzt sich aus kleinen Bemerkungen die turbulente Geschichte einer dysfunktionalen Familie zusammen.

Liebe und Hass in der Familie

Wie in früheren Filmen findet Ursula Meier auch wieder so besondere Bilder und eine ganz eigene Poesie. Angefangen schon mit der Musik, die sich leitmotivisch mit einer zerstörerischen aber auch heilenden Kraft durch den Film zieht. Ein zentrales Chanson hat Benjamin Biolay für den Film geschrieben, der auch in einer schönen Nebenrolle zu sehen ist.

Ein besonders schönes Motiv ist die titelgebende Linie: In der wüsten Rauferei verliert die von Valeria Bruni-Tedeschi herrlich überspannt und kapriziös gespielte Mutter einen Teil ihres Gehörs, sie erstattet Anzeige gegen ihre eigene Tochter, die fortan drei Monate lang mindestens eine Entfernung von 100 Meter zu ihr einhalten muss. Diese Linie zieht Margarets kleine Schwester ganz konkret, mit einem 100 m langen Seil und einem Topf mit blauer Farbe, als Demarkationslinie über Wiesen und Wege. Ein schönes Bild für die Sehnsucht und die Verachtung, die Liebe und den Hass, der diese Familie zerreißt.

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Sehnsucht nach Nähe, Zwang zum Abstand

Hier kommt es zu wunderbaren Szenen, im Widerspruch von Distanz und Nähe, wenn die beiden Schwestern in der winterlichen Landschaft auf zwei gelben Klappstühlen sitzend für einen Konzertauftritt proben und die Stühle danach wie Fahrräder an einen Laternenpfahl schließen.

Stéphanie Blanchoud, die diese Margaret in einer irren Mischung aus Zerbrechlichkeit und Aggressivität beindruckend und berührend spielt, war auch am Drehbuch beteiligt. Bei der Pressekonferenz haben die beiden auch erzählt, dass die Idee zu dieser Geschichte von Sehnsucht nach Nähe und Zwang zum Abstand auch aus der Erfahrung mit Corona entstanden ist.

Anke Sterneborg, rbbKultur

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