Leonara Addio © Umberto Montirol
Umberto Montirol
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Drama | Berlinale Wettbewerb - "Leonora addio"

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Die Brüder Paolo und Vittorio Taviani gehören zu den Stammgästen der Berlinale, ihren ersten Film zeigten sie hier schon vor 50 Jahren - damals noch im Forum. Mit dem Film "Cäsar muss sterben" über die Inszenierung eines Shakespeare-Stückes im Hochsicherheitsgefängnis, holten sie 2012 den Goldenen Bären nach Italien. Vittorio Taviani ist 2018 gestorben, seitdem dreht Paolo Taviani, immerhin auch schon 90 Jahre alt, alleine weiter und stellt jetzt sein neuestes Werk "Leonora addio" wieder auf der Berlinale vor.

"Leonora addio" ist eine Rückkehr zu dem sizilianischen Dramatiker Pirandello, der die beiden Brüder schon mehrfach inspiriert hat. Doch "Leonora addio" ist keine Verfilmung des gleichnamigen Pirandello-Stückes von 1910, sondern eher ein Spiel mit der Biografie und dem Werk von Pirandello, in verschiedenen Etappen, Temperaturen und Färbungen.

Vorzimmer des Himmels

Der Film beginnt mit dokumentarischen Aufnahmen von der Verleihung des Nobelpreises für Literatur an Pirandello im Jahr 1934. Danach wechselt der Film zum ersten Mal den Tonfall und den Stil: Es gibt eine Szene in einem sehr großen Raum, der so gleißend weiß und sauber wirkt, dass man ihn für das Vorzimmer des Himmels halten könnte. Das kommt der Realität nah, denn es soll Pirandellos Sterbezimmer darstellen. Seine drei Kinder betreten den Raum, um sich zu verabschieden. Auf dem langen Weg zu seinem Bett werden sie von Kindern zu Erwachsenen und zu älteren Menschen mit ergrauten Haaren.

Odyssee einer Urne

Aber 1936 ist keine gute Zeit zu sterben. Die Faschisten und ihr Krieg prägen das Land, die Urne mit der Asche Pirandellos muss zehn Jahre in Rom zwischengelagert werden, bevor sie - dessen Wünschen entsprechend - nach Sizilien transportiert werden kann.

Dieser begleitete Transport ist ein komödiantisch gefärbtes Road-Movie, in dem die Holzkiste mit der Urne von einem Cabriolet in ein Flugzeug und von dort in einen Zug transportiert wird, unterwegs verloren geht und wiedergefunden wird. Die Asche landet in einer griechischen Amphore und schließlich in einem Kindersarg - alles ganz in der Tradition Pirandellos, in dieser besonderen Verbindung des Komödiantischen mit dem Tragischen.

Mehrere kleine Filme zum Preis von einem

"Leonora addio" bietet mehrere Filme zum Preis von einem. Fast könnte man meinen, die Produzenten hätten dem betagten, aber auf dem Roten Teppich und in der Pressekonferenz nicht unbedingt gebrechlich wirkenden Regisseur keinen ganzen Film zugetraut und sich nur etappenweise auf dieses Projekt eingelassen.

Leonara Addio © Umberto Montirol
Bild: Umberto Montirol

Der Film wirkt wie eine Sammlung von Miniaturen, die durchaus kurzweilig lose durch den Bezug zu Pirandello verbunden sind. Allein auf dem Weg der Urne von Rom nach Sizilien wechselt der Tonfall immer wieder, die kleine Prozession mit den sterblichen Überresten durch die Straßen von Pirandellos sizilianischer Geburtsstadt Agrigent ist eine komödiantische Miniatur, ebenso wie das ungeschickte Umfüllen der Asche von der riesigen Amphore in eine deutlich zu kleine Urne.

Ist die Asche dann nach vielen Zwischenstationen endlich am finalen Bestimmungsort angekommen ist, wechselt der Film von schwarz-weiß zu Farbe, von Italien ins Amerika des Novecento, mit Anklängen an Bertoluccis gleichnamiges Epos. Hier beginnt die Verfilmung einer kleinen Novelle mit dem Titel "Der Nagel", die Pirandello in seinem Todesjahr geschrieben hat, über einen italienischen Einwanderer-Jungen, der in Brooklyn eines von zwei miteinander streitenden und raufenden Mädchen mit einem riesigen Eisennagel ermordet.

"Vittori addio" - ein wehmütiger Abschied vom Bruder

Den Film hat Paolo Taviani seinem Bruder Vittorio gewidmet, beteiligt war er wohl nicht mehr am Drehbuch, hat aber auch ausdrücklich gesagt, dass er nicht möchte, dass sein Name unter einem Film steht, dessen Schönheit er selber nicht mehr erleben und beurteilen kann. So ist der Film eine Art Abschiedsgruß, eine Hommage an den Bruder und an die gemeinsam erlebte Filmgeschichte, mit Bezügen zu verschiedenen filmischen Formen - von der Wochenschau über den Neorealismus bis zum theatralischen Kunstfilm.

Anke Sterneborg, rbbKultur

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