Peter von Kant © C. Bethuel / FOZ
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Drama | Berlinale Wettbewerb - "Peter von Kant" von François Ozon

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Bis zuletzt konnten viele es kaum glauben, doch nun ist es vollbracht: Gestern starteten die Filmfestspiele Berlin. Bei der feierlichen Eröffnungsgala im Berlinale Palast spürte man die Erleichterung und die Freude. Eröffnet wurde die Berlinale dann mit der Gala-Vorführung des Films "Peter von Kant" von François Ozon, der von Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek als Feelgood-Eröffnungsfilm angekündigt wurde.

Der Film ist ein Remake, besser eine Variation auf den Fassbinder-Film "Die bitteren Tränen der Petra von Kant", allerdings - dem Titel entsprechend - mit umgekehrten Geschlechterverhältnissen. Der Originalfilm hatte seine Premiere vor exakt 50 Jahren auch auf der Berlinale.

Spielerische Rafinesse

"Peter von Kant" ist ein interessanter Film mit vielen aktuellen Bezügen, aber auch ein gekünstelt und konstruiert wirkendes Kammerspiel. François Ozon, ein erklärter Fassbinder-Fan, der vor gut zwanzig Jahren mit "Tropfen auf heiße Steine" schon einmal einen Film auf Basis eines seiner Theaterstücke gedreht hat, geht auf zugleich sehr spielerische und raffinierte Weise an den Stoff.

Peter von Kant © C. Bethuel / FOZ
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Aus Petra wird Peter

Im Original war Petra von Kant, gespielt von Margit Carstensen, eine wohlhabende und erfolgreiche Modeschöpferin, die mit ihrer sehr devoten, von ihr übel herumkommandierten Sekretärin Marlene (Irm Hermann) in einer luxuriösen Bremer Wohnung lebt. Sie hat sich gerade von ihrem Mann getrennt, eine Freundin stellt ihr eine sehr junge Frau vor, in die sie sich Hals über Kopf verliebt und mit dem Versprechen auf eine Karriere als Model an sich bindet.

Ozon hat die Geschichte ein bisschen verändert, von Bremen nach Köln verlegt, vor allem aber aus Petra einen Peter von Kant (Denis Ménochet) und aus der Modedesignerin einen Filmregisseur gemacht, was in der Tat der gängigen Interpretation des Films entspricht. Denn obwohl damals eine Frau im Zentrum stand, war diese ein unverhohlenes Alter Ego des Regisseurs: In der Kunst und in der Liebe ein Berserker, ein privat und beruflich alles verschlingendes Monster.

Ein schöner Dreh also für den Eröffnungsfilm der Berlinale, der im Vergleich mit anderen Festivals nur sehr selten von heimischen Filmemachern eröffnet wird. Hier wurde Fassbinder durch die Hintertür reingeholt.

Die Siebziger neu interpretiert

François Ozon führt die politischen und gesellschaftlichen Themen in die Gegenwart über und bringt sich dabei mit Überlegungen über die Machtstrukturen im Filmgeschäft durchaus auch selbst ins Spiel. Bewusst hat er sich dazu entschieden, den Stoff in den 70ern zu belassen, die er eigenwillig neu interpretiert - mit einer Betonung auf tief dunkel leuchtendem Rot, das mit barocken Gemälden akzentuiert ist.

Von zwei Stunden auf 90 Minuten gestrafft, strotzt dieser Film nur so vor Sinnlichkeit und ist im Vergleich zu den gedrosselten Gefühlen und affektierten Gesten der Fassbinder-Vorlage auch sehr viel natürlicher und unmittelbarer gespielt.

Als wunderbarer Besetzung-Coup tritt Hanna Schygulla, die vor 50 Jahren die junge Karin, die Geliebte von Petra von Kant gespielt hat, jetzt als Mutter von Peter von Kant auf. Das rundet diese Hommage an Fassbinder ab, in der dann auch immer mal wieder ein paar Worte Deutsch fallen. Alles in allem ist das ein vielschichtiges und raffiniertes Spiel mit der Filmgeschichte und mit den Zeiten und trotzdem auch ein Film mit aktuellen Akzenten. Also schon mal ein guter Start für diese Berlinale!

Anke Sterneborg, rbbKultur

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