Yin Ru Chen Yan | Return to Dust © Hucheng No.7 Films Ltd.
Hucheng No.7 Films Ltd.
Bild: Hucheng No.7 Films Ltd. Download (mp3, 9 MB)

Drama | Berlinale Wettbewerb - "Yin Ru Chen Yan" ("Return to Dust")

Bewertung:

Eine zarte Liebesgeschichte zwischen zwei Außenseitern zeigt der chinesische Regisseur Li Ruijun in seinem Wettbewerbs-Beitrag. Dabei überzeugt er mit poetischen Bildern, die von Ausbeutung, Armut und dem harten Landleben in Chinas Provinzen erzählen.

Der Bauer Ma (Wu Renlin) soll die schüchterne Guying (Hai Qing) heiraten. Es ist eine arrangierte Hochzeit: Beide Brautleute sind nicht mehr ganz jung und werden für ihre Familien zur Last. Der friedfertige Ma wir immer nur "Bruder Vier" gerufen und von seinen Geschwistern ausgenutzt. Die schweigsame Guying hat die meiste Zeit ihres Lebens in einem Stall gelebt, ist die ganze Zeit misshandelt worden und deshalb inkontinent.

Yin Ru Chen Yan | Return to Dust © Hucheng No.7 Films Ltd.
Bild: Hucheng No.7 Films Ltd.

Ein Bild des Jammers?

Eine Feier gibt es nicht und das gemeinsame Hochzeitsfoto wird zum Bild des Jammers, weil sich die beiden vor lauter Schüchternheit nicht mal in die Augen schauen können. Dann aber passiert etwas Unerwartetes. Aus zwei Außenseitern wird nach und nach ein richtig gutes Team. Aus dem Nichts schaffen sie sich ein Existenz: Sie bestellen ihre Felder - nur mit einem Esel und einem alten Pflug, sie bauen sich ein schönes Haus aus Holz und Lehmziegeln und sie genießen ihre Zweisamkeit fernab der Schikanen, denen sie früher ausgesetzt waren.

Yin Ru Chen Yan | Return to Dust © Hucheng No.7 Films Ltd.
Bild: Hucheng No.7 Films Ltd.

Ménage à trois

Li Ruijun nimmt sich viel Zeit, dieses langsame Aufeinanderzugehen zu erzählen. Trotzdem wird es nie langweilig, dafür sorgen schon die warmen Farben seiner Bilder: Der gelbe Sand der nahen Wüste, das strahlende Grün der frischen Maispflanzen und das pulsierende Blau des Himmels. Aus der gemeinsamen harten Arbeit und der Liebe zur Natur wächst eine innige Zweisamkeit. Im Grunde ist diese Liebesgeschichte eigentlich eine Ménage à trois: Ein Mann, eine Frau und die Erde, die die beiden mit allem versorgt, was sie zum Leben brauchen.

Gefahr droht von Außen

Dabei lassen sich die frischgebackenen Eheleute auch von äußeren Einflüssen nicht abhalten: Weder von Mas Geschwistern, die ihrem Bruder sein neues Glück nicht gönnen, noch vom Verwalter, der sie um Teile ihrer Ernte betrügt und auch nicht vom chinesischen Staat, der hohe Abrissprämien für Lehmhäuser zahlt und alle Bauern am Liebsten in neugebauten Hochhäusern ansiedeln würde.

Nicht ein einziger Kuss

Li Ruijun ist ein junger Regisseur, der bislang nur einmal im Panorama der Berlinale zu Gast war, der aber schon jetzt als Wunderkind des chinesischen Kinos gilt. Ihm ist etwas gelungen, was es sonst nur selten im Kino zu sehen gibt: eine Liebesgeschichte ohne jede Erotik. In den gut zwei Stunden, die dieser Film dauert, sieht man nicht einen einzigen Kuss, von irgendwelchen Bettszenen ganz zu schweigen – und doch verbindet die beiden Hauptfiguren eine große Zärtlichkeit.

Yin Ru Chen Yan | Return to Dust © Hucheng No.7 Films Ltd.
Bild: Hucheng No.7 Films Ltd.

Der Traum vom besseren Leben bleibt

Ma und Guying stehen stellvertretend für die chinesische Landbevölkerung, die in Ruijuns Filmen immer wieder eine Rolle spielt: Deren Nähe zur Natur, so lautet seine Botschaft, ist etwas Positives, etwas, das man nicht ohne Not zerstören sollte. Dass das junge Glück am Ende keine Chance hat, man ahnt es schon. Und doch: der Traum vom besseren Leben bleibt – und allein der lohnt den Weg ins Kino.

Carsten Beyer, rbbKultur

Mehr

Publikum im Delphi-Filmpalast bei der Berlinale © Jens Kalaene
dpa-Zentralbild

Berlinale | 10. - 20. Februar 2022 - 72. Internationale Filmfestspiele Berlin

Nach den Preis-Verleihungen geht die Berlinale noch mit den Publikumstagen bis Sonntag. Wegen der Pandemie wurden die Bären diesmal früher verliehen als üblich, auf Parties wurde verzichtet, und in den Kinos durfte nur die Hälfte der Plätze besetzt werden. 18 Filme waren im Wettbewerb. Filmtipps, eine Bilanz der vergangenen Tage und Film-Rezensionen finden Sie hier.

weitere rezensionen

Close © Pandora Film Verleih
Pandora Film Verleih

Drama - "Close"

Vor vier Jahren machte der belgische Regisseur Lukas Dhont gleich mit seinem Debütfilm "Girl" Furore. Es war die einfühlsam erzählte und tief berührende Geschichte eines Teenagers, der im falschen Körper geboren ist und zwischen hartem Balletttraining, Pubertätswirren und den Vorbereitungen zur Geschlechtsangleichung zerrissen wird. Ein harter Stoff, sensibel erzählt. Nun kommt sein zweiter Film in unsere Kinos - und wieder hat er einen ganz einfachen Titel mit vieldeutigem Klang: "Close". Und wieder geht es um sensible Gefühle an der Schwelle von Kindheit und Adoleszenz.

Bewertung:
Babylon - Rausch der Extase © Paramount Pictures Germany
Paramount Pictures Germany

Drama - "Babylon - Rausch der Extase"

Immer wieder erzählte der französisch-amerikanische Autor und Filmregisseur Damien Chazelle vom Streben nach dem Höchsten, meistens handelten seine Filme dabei von der Jazzmusik, die er zugunsten des Kinos aufgegeben hat. Auch ums Kino ging es schon, wie in dem Oscar-prämierten Musical "LaLaLand". Sein neuester Film "Babylon - Rausch der Extase" spielt - wie auch die deutsche Serie "Babylon Berlin" - in den Zwanzigerjahren, allerdings in Hollywood, zu jener Zeit, als der Stummfilm durch den Tonfilm abgelöst wurde.

Bewertung:
Passagiere der Nacht © eksystent Filmverleih
eksystent Filmverleih

Drama - "Passagiere der Nacht"

Impressionistisch getupfte Momente des Lebens, oft mit einem melancholischen Unterton, und ein feines Gespür für das Lebensgefühl junger Menschen - das ist die Spezialität des französischen Regisseurs Mikhaël Hers in Filmen wie "Dieses Sommergefühl" oder "Mein Leben mit Amanda". Sein neuestes Werk "Passagiere der Nacht", prominent besetzt mit Charlotte Gainsbourg und Emmanuelle Béart, feierte seine Premiere im letzten Jahr im Wettbewerb der Berlinale und kommt jetzt in unsere Kinos.

Bewertung: