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Dokumentation - "Der Schneeleopard"

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Schon acht Mal ist der berühmte Naturfotograf Vincent Munier ins tibetanische Hochland gefahren, in karge Landschaften in bis zu 5.000 Metern Höhe bei eisigen Temperaturen. Vor drei Jahren hat er den befreundeten Reiseschriftsteller Sylvain Tesson eingeladen, ihn auf so einer Expedition zu begleiten. Diese extreme Erfahrung wurde in Wort, Bild und Film festgehalten: in Texten von Sylvain Tesson, in Fotos von Vincent Munier - und in dem Dokumentarfilm "Der Schneeleopard" von Marie Amiguet.

"Er lud mich ein, ihn nach Tibet zu begleiten auf den Spuren eines Tieres, das ich für ausgestorben hielt", sagt Tesson: "Für mich war es ein Traum, für ihn eine Verabredung."

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Diskrete Lauer statt Jagd und Eroberung

Eine Expedition ins tibetanische Hochland, in eine von Menschen weitgehend unberührte, karge Landschaft, in eisigen Temperaturen: Auf den ersten Blick klingt das vielleicht nicht nach einem verlockenden Reiseversprechen - doch lässt man sich erstmal darauf ein, wird man umso reicher belohnt:

"Allein schon diesen Morgen zu erleben, wenn nach einer eisigen Nacht alles aufwacht. Das ist pure Magie."

Anders als sonst die Menschen kommen diese beiden Männer nicht als Jäger und Eroberer. Sie sind diskrete Beobachter, die alles daransetzen, für die scheuen und wachsamen Bewohner der Berge nicht zu sehen, nicht zu hören, nicht zu riechen zu sein. Schießen werden sie nur mit ihren Kameras. Und die Tarnanzüge, die sie sich überstreifen, sind nicht die groß gemusterten, die man von Soldaten kennt, sondern solche, die ihnen in mit ihren feinen Zeichnungen und Farbschattierungen in der Landschaft eine perfekte Mimikry ermöglichen:

"Munier hatte die Lauer zur Kunst erhoben und gleichzeitig zur Philosophie", wispert Tesson.

Eine lebensverändernde, spirituelle Erfahrung

Stundenlang verharren die Männer reglos und schweigsam, in der eisigen Kälte, immer im Wissen, dass sie den scheuen Titelhelden womöglich gar nicht zu sehen bekommen. Was sie in jedem Fall entdecken, ist die erhabene Schönheit der Landschaften und ihre Bewohner: kleine zwitschernde Vögelchen, lauernde Eulen und Falken, eine Bärenfamilie, wendige Antilopen, eine Pallaskatze und urige Yaks: "Sie waren Totems aus fernen Zeiten - schwerfällig, kräftig, still und reglos, absolut unzeitgemäß…."

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Dabei ist dieser Film sehr viel mehr als einfach nur ein Tierfilm mit atemraubenden Bildern. Er ist eine spirituelle Erfahrung, die die Zuschauer:innen genauso verändert wie die Abenteurer im Film:

"Während ich das alles miterlebe, fällt mir die unglaubliche Gleichgültigkeit auf, mit der ich jahrzehntelang Landschaften durchquert habe"
, stellt Tesson fest: "Diese Stunden des Wachens bildeten das genaue Gegenteil zu meinem Rhythmus des Reisens. Ich flatterte von einer Faszination zur nächsten, führte ein übereiltes Leben. Ich hechtete von Reise zu Reise, vom Flugzeug in den Zug, von einem Vortrag zum nächsten, um zu verkünden, dass der Welt gut daran täte, endlich zur Ruhe zu kommen."

Stimmungsvoller Soundtrack von Warren Ellis und Nick Cave

Ein besonderer Glücksfall für den Film ist die Musik: "Nature loves to hide I've travelled a lot, I was observed and unaware….." singt Nick Cave im Titelsong "We are not alone".

Die Großstadt-Musiker Warren Ellis und Nick Cave haben schon diversen Spielfilmen - dem finsteren Rachewestern "The Proposition" oder dem beklemmenden Cormac McCarthy-Endzeitfilm "The Road" - einen melancholisch-dringlichen Klang gegeben. Ohne die Filme zu kennen, hatte Munier diese Kompositionen schon als Soundtrack seiner Expeditionen in die Einsamkeit gehört. Als er die beiden bat, sie für sein Kinodokumentarfilmdebüt verwenden zu dürfen, haben sie neue Stücke komponiert, die Texte von Tesson vertont und mit Naturgeräuschen und Tierlauten angereichert.

Schule des Sehens

Der Film ist eine Übung in Geduld und zugleich eine Schule des Sehens. Er sensibilisiert für das, was man alles wahrnehmen kann, wenn man geduldig wartet und wachsam schaut.

"Munier war mein Lehrer, er brachte mir das Lesen bei – zum zweiten Mal in meinem Leben", schreibt Tesson in seinem Reisebericht, der zum Bestseller wurde, auch weil er eine dringend gebotene, andere Form der Koexistenz von Mensch und Tier lehrt, jenseits von Ausbeutung und Eroberung.

"Man nimmt es mir manchmal übel, nur das Schöne zu fotografieren und alles Hässliche außen vor zu lassen", sagt Munier.: "Es stimmt, dass ich nicht wie ein Fotojournalist arbeite, um Missstände anzuprangern. Du hast die Wahl, dich in die Verzweiflung zu stürzen oder die Schönheit zu feiern."

Diesen Blick übernimmt der Film, wenn er über raue Bergkuppen und weiche Täler streicht, wenn er Schneeverwehungen, Nebelschwaden und Wolkenformationen folgt, wenn er die vielen Schattierungen von braun, beige und grün bestaunt und den Bewegungen von Antilopen, Wölfen oder Yaks folgt, ihren Geräuschen lauscht und ihre Erhabenheit wirken lässt. So erzählt dieser außergewöhnliche Film von der absoluten Harmonie der Menschen mit der Natur.

Anke Sterneborg, rbbKultur

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