Tilda Swinton als Jessica in einer Szene des Films Memoria; © dpa/Port au Prince Pictures
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Drama - "Memoria"

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Klassische Erzählkonventionen sind nichts für den thailändischen Regisseur Apichatpong Weerasethakul. Stattdessen zieht er die Zuschauer:innen in den Sog seiner hypnotischen Filmgedichte. Auf dem Festival in Cannes ist er seit 20 Jahren Stammgast und "Uncle Boonme erinnert sich an sein früheres Leben" wurde sogar mit der goldenen Palme ausgezeichnet. Sein neuester Film "Memoria" hat dort im letzten Jahr den Jury-Preis gewonnen.

"Memoria", das neueste Werk des thailändischen Regisseurs Apichatpong Weerasethakul - mit Tilda Swinton in der Hauptrolle und zum ersten Mal nicht in Thailand, sondern in Kolumbien gedreht - gewann bei den Filmfestspielen in Cannes im letzten Jahr den Jury-Preis. Jetzt kommt der Film in unsere Kinos, in einer besonderen Kooperation zwischen dem Filmverleih Port au Prince und dem Streamingdienst Mubi, wo der Film dann ab 5. August zu sehen sein wird.

Sinnlichkeit zum Sehen und Hören

Eine Frau wird aus dem Schlaf geschreckt, durch ein seltsames Geräusch, einen undefinierbaren, dumpfen Knall. Immer wieder und nur sie allein hört das mysteriöse Geräusch, das sie als Rumpeln beschreibt, das tief aus der Erde zu kommen scheint.

Geduldig und wachsam spürt die von Tilda Swinton gespielte Jessica dem Geräusch nach. Ein Freund vermittelt ihr einen Tontechniker namens Hernan, der den Ton, den sie minutiös beschreibt, an seinem Mischpult künstlich erschafft: "Es ist wie ein großer Ball aus Beton, der in einen Metallschacht fällt, der von Meerwasser umgeben ist", sagt sie. "Wie groß ist die Betonkugel?", fragt Hernan und justiert ihren Beschreibungen folgend immer wieder nach. "Es hat ein anderes Echo, weniger metallisch", sagt sie. "Erdiger..."

Mehr noch als die früheren Werke von Apichatpong Weerasethakul ist "Memoria" ein Film, dem man wachsam lauschen sollte, mit all den Geräuschen, zunächst in der Großstadt, wo sich auf einem nächtlichen Parkplatz die Autos auszutauschen scheinen, in einem Blink-, Hup- und Sirenen-Schwätzchen.

Aus der Stadt in den kolumbianischen Dschungel

Traumwandlerisch fließend wechselt der Film von städtischen Orten, in den Straßen, Parks und auf Plätzen, im Krankenhaus, in einer Bibliothek, in einem archäologischen Labor, in einer Fotoausstellung nach draußen, an eine archäologische Fundstätte und in den kolumbianischen Dschungel. Es sind keine touristischen, sondern alltägliche Orte, deren Schönheit sich ganz diskret entfaltet.

Der Regisseur macht keinen Druck und kein Tempo, sondern erlaubt den Ereignissen ihre natürliche Wirkung zu entfalten. Zum ersten Mal hat er außerhalb seiner Heimat und mit internationalen Schauspieler:innen gedreht, in enger Zusammenarbeit mit Tilda Swinton, die schon früher Filmprojekte zusammen mit Regisseuren wie Derek Jarman oder Luca Guadagnino wesentlich mitgeprägt hat.

Gemeinsam haben der Regisseur und die Schauspielerin einen Drehort gesucht, den sie beide noch nicht kannten: "Wenn man die Heimat verlässt, kommuniziert man auf ganz andere Weise mit der Umgebung", sagt Apichatpong Weerasethakul. "Wir wollten einen Ort finden, an dem wir beide Fremde sind, wir wollten uns darauf einlassen, uns nicht auszukennen und uns mit allen Sinnen, mit offenen Augen und Ohren darauf einzulassen. Es geht auch darum, Verbindungen herzustellen. Es zwingt den Zuschauer genauso wie mich als Filmemacher dazu, die Sinne zu öffnen, was auch eine Relevanz hat, dafür wie wir jetzt und heute leben."

Verbindungen über Zeit und Raum hinweg

Tilda Swinton wird dabei zum Alter Ego des Regisseurs, der so wie sie im Film an Schlaflosigkeit und am "Exploding Head Syndrome" leidet, an diesem unerklärlichen Geräusch in seinem Kopf. Der ganze Film wird von der Haltung eines gelassenen Flaneurs geprägt, der sich viel Zeit nimmt, um zu sehen und zu hören.

So besucht Jessica in Bogotá ihre Schwester im Krankenhaus, sie geht mit Freunden essen und sie lernt eine Archäologin kennen, die 6000 Jahre alte Knochen untersucht: "Kannst Du erkennen, ob es ein Mann oder eine Frau ist?", fragt sie Jessica und weist sie auf ein großes Loch im Schädel des Mädchens hin. "Wahrscheinlich ein Ritual: Sie haben ein Loch gebohrt, damit die bösen Geister entweichen können", sagt die Archäologin.

Wie immer in den Filmen von Apichatpong Weerasethakul geht es auch hier um Erinnerungen und Träume und um die Geister der Verstorbenen, um Verbindungen über Zeit und Raum hinweg. Bei aller Nachdenklichkeit und Wachsamkeit entwickelt der Film doch eine schwebende Leichtigkeit und immer wieder auch einen betörend feinen Humor, in den Reaktionen der Schottin Jessica auf die Eigenheiten der kolumbianischen Kultur.

Anke Sterneborg, rbbKultur

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