Alcarràs - Die letzte Ernte © Piffl Medien
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Drama - "Alcarràs - Die letzte Ernte"

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In Brandenburg gibt es 28.000 Solarstandorte. Eine gute Entwicklung, denn die Zukunft hängt ab von erneuerbaren Energien. Die Photovoltaik-Paneele stehen auf Brachen, auf ehemaligen Militärgebieten, aber auch auf landwirtschaftlicher Nutzfläche. Denn Sonnenenergie bringt mehr Geld. Wie weit dieser Konflikt zwischen der Erzeugung von Nahrungsmitteln und Strom gehen kann, zeigt "Alcarràs – Die letzte Ernte". Der Film der spanischen Regisseurin Carla Simón gewann dieses Jahr bei der Berlinale den Goldenen Bären und kommt jetzt ins Kino.

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"Alcarràs" von Carla Simón ist ein lebenslustiger Film, aber er handelt vom Verschwinden. Vom Verschwinden der landwirtschaftlichen Familienbetrieben, der dörflichen Strukturen, der verwandtschaftlichen Bindungen.

Ein Film über das Verschwinden

Die Solés bewirtschaften eine Pfirsichplantage in Katalonien. Der Großvater hat das Land von einer befreundeten Familie zur Nutzung erhalten, aus Dank, weil er die Freunde im Krieg versteckt hatte. Schriftlich wurde das nie festgehalten. Jetzt will ein Enkel des Freundes die Plantage in einen Solarpark umwandeln. Mit der Stromerzeugung erhofft er sich gute Gewinne. Die Familie Solé darf noch bleiben, bis die letzte Ernte eingefahren ist, dann muss sie das Land verlassen. Der Handschlag von einst ist nicht mehr gültig.

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Familienalltag als routiniertes Durcheinander

Die Solés sind eine unübersichtliche, chaotische, lustige, zerstrittene, sich liebende Großfamilie. Alle reden durcheinander, alle machen unterschiedliche Sachen gleichzeitig, ohne sich abzusprechen. Alle haben andere Träumen und auch eine andere Meinung zur Sonnenergie. Eigentlich wohnen drei Geschwister mit ihren Familien und ihren Eltern unter einem Dach. Aber in dem, was für Beobachter:innen wie Chaos aussieht, entsteht immer wieder ein geheimnisvoller Gleichklang. Nämlich dann, wenn alle gemeinsam in die Pfirsichplantage ziehen, um das Obst zu ernten.

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"Wir müssen ernten" ist der magische Satz, der alle verbindet. Dann braucht niemand eine Anweisung, alle wissen, was sie zu tun haben. Bei der Ernte erzählt die Großmutter Geschichten von früher und die Kinder lernen, welche Früchte reif genug sind, um sie zu pflücken. Da ist die Familie wie ein Chor, in dem völlig unterschiedliche Stimmen zu einer Harmonie finden.

Die Laiendarsteller:innen spielen aus der Erfahrung ihres Lebens

Bei Carla Simón ist die Kamera nur Gast in der Realität und nicht umgekehrt. Für die Regisseurin war es wichtig, dass die Darstellerinnen und Darsteller den authentischen katalanischen Dialekt ihre Heimatdorfs Alcarràs sprechen.

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Das können wir nicht hören. Aber die Arbeit auf dem Land bekommt etwas Selbstverständliches, weil sie den Körpern der Darsteller:innen eingeschrieben ist. Man sieht, dass die Männer seit ihrer Kindheit auf dem alten Traktor sitzen und nicht erst für die Dreharbeiten stolz auf den Trekker steigen. Man sieht, dass sie wissen, wie man Weinbergschnecken in der Glut von Heu zubereitet - man sieht den Unterschied zwischen Leben und Inszenierung. Und man sieht die Verbindung zum Land und den alten Bäumen, in der Art, wie die Bauern die Zweige biegen oder die Pfirsiche in die Hand nehmen. Routiniert, aber nicht gleichgültig.

Carla Simón feiert die Sinnlichkeit der letzten Ernte noch einmal, ehe die glatt glänzenden Photovoltaik-Paneele die Bäume vertreiben. Und das Geschickte an diesem Plot ist, dass hier das Gute gegen das Gute antritt.

Verdienter Preis

"Alcarràs" erzählt vom Verschwinden, der Film erzählt davon, wie die Zeit über die Menschen hinweggeht und das gelingt dadurch, dass Carla Simón immer wieder die Zeit anhält für Augenblicke der Erinnerung. Augenblicke, in den die Personen ganz bei sich sind, ganz ohne Familie. Einmal steht der Großvater unter dem Feigenbaum, den sein Freund gepflanzt hat. Bedächtig pflückt er eine der samtig violett-blauen Früchte und betrachtet sie zufrieden. In dem Moment ist alles enthalten: die Freundschaft, die Liebe zum Land, die Dankbarkeit gegenüber der Natur. Immer wieder lässt Carla Simón solche schwebenden Momente entstehen, in denen sich das Leben verdichtet. Ein außergewöhnlicher Film.

Simone Reber, rbbKultur

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