Liebe, D-Mark und Tod © Rapid Eye Movies
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Dokumentation - "Liebe, D-Mark und Tod"

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Fast drei Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln gibt es in Deutschland. Menschen, die einen großen musikalischen Reichtum aus ihrer Heimat mitgebracht oder diesen Reichtum hier in Deutschland entwickelt haben. Wie vielfältig die türkische Musikszene in Deutschland ist und warum sich in der deutschen Mehrheitsgesellschaft trotzdem kaum jemand dafür interessiert, zeigt der Dokumentarfilm "Liebe, D-Markt" und Tod" von Cem Kaya.

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"Almanya'ya mecbur ettin" ist ein bekannter Schlager der türkischen Sängerin Yüksel Özkasap. Es geht darin um Deutschland in den 60er Jahren: Um das Ankommen der Gastarbeiter in der Fremde und den Schmerz beim Gedanken an die alte Heimat. Als "Nachtigall von Köln" feierte Özkasap damals große Erfolge, weil sie genau den Ton der ersten Einwanderergeneration traf. 12 goldene Schallplatten hat sie gewonnen und Millionen von Alben verkauft - die meisten davon in türkischen Lebensmittelgeschäften in Berlin, Köln oder Nürnberg.

In den deutschen Medien tauchte Yüksel Özkasap jedoch praktisch nie auf. Dort wurde das Bild der Neuankömmlinge von anderen geprägt – von Leuten wie dem Showmaster Rudi Carrell, der – obwohl selbst Holländer – nur Spottverse und billige Klischees für die Gastarbeiter übrig hatte.

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Wunderbares Filmessay

Özkasap und Carrell sind nur zwei der Musiker, die in dem Dokumentarfilm "Liebe, D-Mark und Tod" zu Wort kommen. Vier Jahre lang hat Regisseur Cem Kaya die deutschen Fernseharchive durchgearbeitet, um alle Aufnahmen für diesen Film zusammen zu bekommen. Er hat den WDR, arte und auch den rbb als Ko-Produzenten ins Boot geholt und ein wunderbares Filmessay geschaffen, das die Geschichte der türkischen Musik in Deutschland von den 60er Jahren bis (fast) in die Gegenwart erzählt.

Bündelweise Hundertmarkscheine

Volkssänger wie Metin Türköz und Ata Canani kommen zu Wort, bunte Paradiesvögel wie der schwule Entertainer Hatay Engin werden vorgestellt und es gibt Aufnahmen von wilden Hochzeitspartys, bei denen bündelweise Hundertmarkscheine auf die Musiker regnen. Spektakulär sind auch die Bilder aus dem Berlin der Vorwendezeit, von den Liederabenden und Tanzveranstaltungen im Türkischen Basar in der Bülowstraße, bei denen der Raki in Strömen fließt.

Später werden die Klänge härter und der Tonfall unversöhnlicher. Als in Solingen und Mölln die Häuser türkischer Familien brennen, schlägt die türkische Rap-Szene verbal zurück.

Ein Spiegel für die Mehrheitsgesellschaft

Doch Cem Kaya zeigt nicht nur die Vielfalt der türkischen Musikszene, er hält auch den Deutschen einen Spiegel vor. Sein Film enthält eine klare Botschaft: Die sogenannte Parallelgesellschaft, die man hier in ihrer Entstehung beobachten kann, ist nicht das Resultat willentlicher Abgrenzung von Seiten der Einwanderer - sondern eine Folge der konsequenten Ignoranz durch ihre Gastgeber. Türkische Musik fand fast ausschließlich in den fremdsprachigen Sendungen der Dritten Programme statt. Ein Auftritt wie der des Istanbuler Rocksängers Cem Karaca und seiner Band "Die Kanaken" bei "Bio’s Bahnhof" bleibt die Ausnahme.

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Versagen der Medien

Türkische Musiker und Musikerinnen hatten es in Deutschland niemals leicht, das macht der Film klar. "Warum nur werden nicht auch mal türkische Ensembles oder türkische Sänger in deutsche Quizshows eingeladen, um die Menschen auf dem Umweg der Kultur einander näher zu bringen?“, fragt der Musikjournalist Barry Graves in einem Filmausschnitt aus den 70er Jahren und konstatiert ein komplettes Versagen der Medien. Und der türkische Autor Imran Ayata, Teil des Kollektivs Kanak Attak, spricht vom deutschen Rassismus als dem verbindenden Element der türkischen Musik in Deutschland in den letzten 50 Jahren.

Ein wilder Ritt durch die Kulturgeschichte

"Liebe, D-Mark und Tod" ist eine kluge Auseinandersetzung mit dem deutsch-türkischen Verhältnis, die ohne moralischen Zeigefinger auskommt: Ein wilder Ritt durch 60 Jahre Kulturgeschichte und eine Entdeckungsreise in eine spannende und äußerst vielfältige Musikszene. Wer diesmal auch wieder nicht hinschaut, ist selbst schuld.

Carsten Beyer, rbbKultur

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