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Drama - "Chiara"

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Was passiert, wenn man mit 15 Jahren aus allen Wolken fällt? Wenn am Geburtstag der großen Schwester plötzlich das Familienauto in die Luft gesprengt wird und sich herausstellt, dass der geliebte Vater sein Geld bei der Mafia verdient? Jonas Carpignanos preisgekrönter Film "Chiara" ist eine Mischung aus Coming of Age-Drama und dokumentarischer Sozialstudie über das Leben im äußersten Süden Italiens.

Filme über die Mafia gibt es viele. Doch egal, ob "The Godfather", "Goodfellas" oder "Scarface": immer stehen dabei die Männer im Mittelpunkt. Jonas Carpignano war das zu eindimensional. Deshalb hat sich der Regisseur mal mit dem weiblichen Blick auf die Cosa Nostra beschäftigt: "Chiara" heißt sein Film, der bereits bei den Filmfestivals in Karlovy Vary, in Cannes und in Zürich gefeiert wurde und der nun in die deutschen Kinos kommt.

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Weiblicher Blick auf die Cosa Nostra

Chiara (Swamy Rotolo) ist ein 15-jähriges Mädchen, das mit seinen Eltern und mit zwei Schwestern in der Stadt Gioia Tauro in Kalabrien aufwächst - ganz im Süden von Italien, wo die 'Ndrangheta das gesamte gesellschaftliche Leben infiltriert hat. Angeblich ist der Hafen der Stadt der Hauptumschlagplatz für kolumbianisches Kokain in Europa.

Missglückte Geburtstagsfeier

Trotzdem ist das Leben von Chiara auf den ersten Blick ganz normal: Sie geht zur Schule, kabbelt sich mit ihren Schwestern oder hängt mit ihren Freundinnen abends an der Hafenmole ab. Eines Tages allerdings, kurz nach dem 18. Geburtstag ihrer älteren Schwester Giulia (Grecia Rotolo), verschwindet Chiaras Vater (Claudio Rotolo). Sie sieht ihn gerade noch, wie er nachts heimlich über die Gartenmauer steigt. Kurze Zeit später explodiert das Familienauto und für Chiara ist klar: Ab sofort ist nichts mehr so, wie es mal war.

Die 15-Jährige muss nun ganz schnell erwachsen werden - und sie muss vor allem rausfinden, warum ihr Vater so plötzlich abgehauen ist.

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Mauer des Schweigens

Doch zunächst stößt Chiara auf eine Mauer des Schweigens: Ihre Schwester, ihr Cousin, ihre Mutter - sie alle scheinen etwas zu wissen über die kriminellen Machenschaften der Familie, aber sagen tun sie nichts. Chiara rebelliert, schwänzt die Schule, wird sogar gewalttätig und muss schließlich vom Jugendamt in Obhut genommen werden.

Erst als es schon fast zu spät ist für die junge Frau, kommt es doch noch mal zu einem Wiedersehen mit dem Vater. Doch auch der kann seiner Tochter keine überzeugenden Argumente für sein Verhalten liefern. "Für sie ist es die Mafia", sagt er, "doch für uns ist es nur ein Mittel zum Überleben.“

Authentische Laiendarsteller:innen

Jonas Carpignano hat seinen Film mit Laiendarsteller:innen gedreht, die er am Drehort getroffen hat. Die Mafioso, die er zeigt, sind keine Mafia-Bosse und keine Gentleman-Gangster, keine beeindruckenden Gestalten wie Vito Corleone in "The Godfather" oder Jimmy Conway bei den "Godfellas", sondern im Grunde Kleinkriminelle, die Drogen schmuggeln und vielleicht mal ein Auto anzünden.

Ebenso authentisch geht es in der Familie von Chiara zu. Die Tatsache, dass Carpignano hier ausschließlich echte Familienangehörige seiner Hauptdarstellerin Samy Rotolo besetzt hat, zahlt sich absolut aus.

Dokumentarische Bilder mit der Handkamera

Auch in seinen Bildern ist der Film sehr direkt, fast schon dokumentarisch. Viele Szenen sind mit der Handkamera gedreht. Die Gesichter wackeln, der Sound ist nicht immer perfekt und die Nachtszenen sind kaum ausgeleuchtet. Was Carpignano zeigt, ist kein üppiges Leinwandepos à la "The Godfather", sondern eher eine flüchtige Skizze, eine Mischung aus Coming of Age-Drama und dokumentarischer Sozialstudie.

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Düsterer Heimatfilm

"Chiara" ist bereits der dritte Film, den der italo-amerikanische Regisseur über Kalabrien gemacht hat. Im ersten Film ging es um die afrikanischen Einwanderer, im zweiten um die Roma-Familien, die dort leben und nun - quasi zum Abschluss der Trilogie - ist die Mafia an der Reihe. Carpignano geht es darum, die Realität des Lebens in dieser strukturschwächsten Region Italiens abzubilden - ein Heimatfilmer, der seine Heimat nicht in leuchtenden, sondern eher in ziemlich düsteren Farben zeigt.

Carsten Beyer, rbbKultur

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