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Thriller - "In der Nacht des 12."

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Ein Mord geschieht, die Ermittler beginnen ihre Arbeit, kämpfen sich durch einen Wust von Spuren und Indizien - und nach 90 Minuten ist der Fall gelöst, das Gleichgewicht von Gut und Böse wieder hergestellt: So kennt man das aus dem deutschen Krimifernsehen. Doch die Wirklichkeit ist selten so sauber sortiert. In seinem neuen Film "In der Nacht des 12." unterläuft der deutsch-französische Regisseur Dominik Moll diese Erwartungen.

Basierend auf einem der realen Fälle, die Pauline Guéna in ihrem Sachbuch "18,3 – Une année à la PJ" über die Polizeiarbeit in Grenoble begleitet hat, erzählt er die Geschichte eines Mordes, der am Ende nicht aufgeklärt wird. Beim Prix Lumière, der das französische Äquivalent der Golden Globes ist und am kommenden Montag vergeben wird, ist der Thriller als Favorit in sechs Kategorien nominiert: Bester Film, Beste Regie, Bestes Drehbuch, Bester Hauptdarsteller (Bastien Bouillon), Beste Kamera und Beste Musik.

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Spannend, auch ohne Lösung am Ende

Rund 20 % aller Morde werden nie aufgeklärt, informiert ein Insert am Anfang des Films: "Dies ist einer davon". Von Anfang an ist also klar: eine Lösung des Falls ist nicht zu erwarten.

In der Nacht des 12. Oktober, in einem kleinen Ort in der französischen Alpenregion, verlässt eine 21-jährige Frau eine Party. Auf dem Heimweg dreht sie ein kleines Grußvideo für ihre beste Freundin, und dann begegnet sie ihrem Mörder. Am nächsten Morgen wird ihre verbrannte Leiche in einem Park gefunden. Die beiden Ermittler Yohan und Marceau beginnen mit ihrer Arbeit. Besonderes Augenmerk legen sie dabei auf die wechselnden Männerbekanntschaften von Clara: junge Männer, die allesamt seltsam kalt und gleichgültig wirken. Besonders kompromittierend ist der Text, in dem ein junger Rapper den Mord anzukündigen scheint: "Ich fackel dich ab und ich werde dich ficken, im Flammenmeer wirst du ersticken, genieß den Schmerz, und wenn du schreist, zerreiß ich dein Herz."

Irgendetwas stimmt nicht zwischen Männern und Frauen ...

Doch keiner der Verdächtigen kann als Täter festgenagelt werden, alle Spuren verflüchtigen sich. Ganz sachlich, nüchtern, fast dokumentarisch begleiten Dominik Moll und sein Kameramann Patrick Ghiringhelli die Ermittlungsarbeit, ohne mit schnellen Schnitten, rasanten Fahrten und Schockmomenten inszenatorischen Druck zu machen. Stattdessen: lange, ruhige Einstellungen, viele Totalen, wenige bewusst eingesetzte Großaufnahmen - zum Beispiel, wenn Claras beste Freundin darüber wütend wird, dass sich die Ermittler so sehr auf ihre wechselnden Sexualpartner einschießen, als habe sie den Mord provoziert:

"Wollen Sie wissen, warum sie umgebracht wurde? Ich werde es Ihnen sagen: Sie wurde umgebracht, weil sie ein Mädchen war!" Und weiter: "Clara wollte gefallen - ja, das stimmt - und außerdem verliebte sie sich immer in den Falschen. Sie wollte nur lachen und Spaß haben. Und alles, über was wir hier reden, sind irgendwelche Schweinereien!"

Das gestörte Verhältnis zwischen Mördern und Opfern, Männern und Frauen beschäftigt auch die Ermittler: "Auf jeden Fall werden immer Frauen verbrannt, das fing schon mit Jeanne d’Arc an und den Hexen", stellt Marceau fest. "Ist doch komisch, oder: Männer töten und die Polizisten sind Männer", kommentiert eine Kollegin und Yohan stellt abschließend fest: "Irgendetwas stimmt da nicht zwischen Männern und Frauen."

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Mehr Fragen als Antworten

Yohan, der junge Leiter der Mordkommission, ist betroffen. Bastian Bouillon gibt ihm eine sanfte, fast melancholische Nachdenklichkeit im Kontrast zu seinem älteren Partner Marceau, den Bouli Lanners oszillieren lässt zwischen müder Resignation und unbändiger Wut:

"Wir haben schon einen komischen Job: Wir verhören die Leute, durchsuchen ihre Sachen, hören ihre Gespräche ab und schreiben Berichte, einen Bericht nach dem anderen. Wir bekämpfen das Böse, indem wir Berichte schreiben."

Auch wenn die beiden Männer im Zentrum stehen, haben die Frauen, die sie umgeben, ein großes Gewicht: Clara, ihre beste Freundin, ihre Mutter, die neue Ermittlerin, die zum Team dazustößt und eine Untersuchungsrichterin, die den Fall nach vielen Jahren wieder aufrollt und dafür erhebliche finanzielle Mittel bereitstellt.

Obwohl die Ermittler Kummer gewöhnt sind, geht ihnen dieser Fall und die Aussichtslosigkeit, ihn zu lösen, mehr an die Nieren als gewöhnlich: "Bei der Kripo sagt man, dass jeder Ermittler mal auf einen Fall stößt, der ihn nicht mehr loslässt. Ein Fall, der mehr schmerzt als alle anderen, der einem nicht mehr aus dem Kopf geht, bis zur Besessenheit."

Auch als Zuschauer muss man damit klarkommen, dass es am Ende dieses leisen Thrillers mehr Fragen als Antworten gibt.

Anke Sterneborg, rbbKultur

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