Kalle Kosmonaut © mindjazz pictures
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Dokumentation - "Kalle Kosmonaut"

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Die Allee der Kosmonauten verbindet in Berlin die Bezirke Marzahn-Hellersdorf und Lichtenberg. In den 1970er Jahren entstand entlang der Ausfallstraße ein Vorzeigeprojekt für sozialistischen Wohnungsbau. Heute wohnen hier eher Menschen, die sich die Mieten in Zentrumsnähe nicht leisten können. Zum Beispiel Pascale, genannt Kalle, und seine Mutter. Die Filmemacher:innen Tine Kugler und Günther Kurth haben Kalle zehn Jahr mit der Kamera begleitet. Vorbild war für sie Richard Linklaters Langzeitprojekt "Boyhood".

Die Zuschauer:innen lernen Kalle kennen, da ist er 17 Jahre alt. Er hat Drogen genommen, einen Mann mit dem Messer angegriffen und wartet jetzt auf seinen Gerichtsprozess. Von diesem Punkt aus schaut der Film zurück.

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Ein ungewöhnlicher Held

Als die beiden Regisseur:innen Tine Kugler und Günther Kurth ihr Projekt begannen, konnten sie nicht wissen, wohin das Leben sie führen wird. "Kalles Leben von 10 bis 20" – das war ihr Drehbuch. In der Allee der Kosmonauten leben mehr Alleinerziehende als sonst irgendwo im Land. Die beiden Filmemacher:innen wollten deshalb ein "Schlüsselkind" begleiten.

Am Anfang sehen wir den 10-jährigen Kalle, wie er morgens sein Kaninchen Flecki füttert und dann mit energischen Schritten losstapft. In der Schulkantine bestellt er sich Essen mit dem Satz: "Ich möchte bitte sehr viel."

Ein selbstsicherer Junge mit Sommersprossen, der laut lachen kann und erstaunlich präzise seine Gefühle beschreibt. Mit zehn Jahren ist er zufrieden mit seinem Leben: "Hauptsache man kann essen, trinken, hat ein Dach über dem Kopf", sagt er ziemlich altersweise.

Drei Jahre später hat er schon das Gefühl, anders zu sein. "Es gibt Kerle, die schlagen. Es gibt Gentlemen und es gibt Kerle wie mich", sagt er. Er will etwas erreichen, kein Ghettokind werden, das nur Drogen nimmt und "Scheiße baut".

Und dann kommt alles anders

Im Laufe des Films lernt das Publikum auch Kalles Familie kennen - bis auf ein Mitglied: Sein Vater ist weggegangen, als Kalle noch klein war. Er hat ihn nie wieder gesehen. Er ist viel bei seinen Großeltern und im Interview mit Opa Heinz schlägt den Filmemachern der ganze Wendefrust entgegen. Früher konnten wir jedes Jahr verreisen, sagt der Großvater, nach der Wende ist alles schiefgelaufen. Und Kalles Oma erzählt, dass sie angefangen hat zu trinken und das Kind die heftigen Streitereien der beiden mitbekommen hat. Inzwischen ist die Großmutter trocken. Später trifft Kalle auch seinen acht Jahre älteren Bruder, der ähnliche Gewaltfantasien hatte wie Kalle jetzt.

Der Film urteilt nicht, er liefert keine Erklärungen, bleibt aber auf der Seite seines ungewöhnlichen Helden. Kalle igelt sich nicht ein in Schweigen, sondern er spricht immer wieder sein eigenes Seelenleben an - auch wenn er es nicht verstehen kann. Durch diese großzügige Haltung der beiden Filmemacher:innen entsteht das zarte und manchmal rätselhafte Gewebe des Lebens.

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Abenteuer Pubertät

Die erste Veränderung findet mit 13 Jahren statt. Kalles Stimme wird tiefer, bekommt mehr Energie. Er will etwas erreichen im Leben, er hängt mit Gleichaltrigen ab, sprüht Grafitti an die Wände und man merkt, dass ihm jetzt langsam der Rahmen wegbricht und er mehr und mehr auf sich allein gestellt ist. Immer mal wieder ist das große Wandgemälde in der Allee der Kosmonauten zu sehen. Da lächelt Jurij Gagarin gütig aus dem Weltraum auf die Anwohner herab, als wolle er sie beschützen. Aber im Grunde fehlen Kindern wie Kalle erwachsene Vorbilder.

Kalles Mutter arbeitet, sie heiratet ihren Lebensgefährten. Die Hochzeit ist ein anrührender Versuch, Glück zu inszenieren. Danach steht sie auf dem Balkon, schaut auf die Allee der Kosmonauten und sagt zufrieden: "Das ist mein Leben". In diesem Moment hält der tägliche Kampf einmal inne. Die meiste Zeit aber sind die Erwachsenen damit beschäftigt zu überleben. Und dann kommt natürlich die größte Zäsur, als Kalle zu zwei Jahren Haft verurteilt wird. Die Zeit im Gefängnis stellt der Film mit animierten Zeichnungen von Alireza Darvish dar. Das sind Bilder tiefster Verlassenheit.

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Dem Leben Raum geben

Abgesehen von den Animationsszenen sind Tine Kugler und Günther Kurth einfach dabei und hören zu. Das Großartige an dem Film ist, dass die beiden Regisseur:innen dem Leben seinen Raum geben. Dabei entsteht die Geschichte von der verzweifelten Suche nach einem Platz, die Geschichte von Träumen, die gleichzeitig immer wieder zerspringen in impulsiven Momenten. Das Glück für den Film ist, dass Kalle das alles reflektiert und auch formulieren kann, Verantwortung übernimmt für sein Handeln.

Warum es manchmal anders läuft als geplant, dafür hat er allerdings selbst keine Erklärung.

Simone Reber, rbbKultur

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