Dora Pejačević; © dora-pejacevic.com/tvbmedia productions
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Musikalische Spurensuche - "Dora - Flucht in die Musik"

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Dora Pejačević war eine außergewöhnliche Frau: Adelstochter, Intellektuelle und eine der herausragenden Komponistinnen des 20. Jahrhunderts. In dem Dokumentarfilm "Dora - Flucht in die Musik" erzählen der Filmemacher Tim van Beveren und die Pianistin Kyra Steckeweh ihre Geschichte und bewirken damit eine späte Ehrenrettung.

Dora Pejačević am Schreibtisch; © dora-pejacevic.com/tvmedia productions
Bild: dora-pejacevic.com/tvmedia productions

In ihrer Heimat Kroatien ist Dora Pejačević fast so berühmt wie Mozart: Straßen, Cafés und sogar ein Parfüm tragen ihren Namen. Außerhalb der Landesgrenzen jedoch landete die Komponistin nach ihrem Tod im Jahre 1923 auf dem Abstellgleis. Dabei war sie einst eine europaweit bekannte Musikerin, wie der Film von Tim van Beveren und Kyra Steckeweh zeigt.

Eine Komponistin auf dem Abstellgleis

Die Autoren - er Dokumentarfilmer, sie Pianistin - haben vor fünf Jahren schon mal einen Film zusammen gemacht: In "Komponistinnen" ging es unter anderem um die Biografien von Fanny Hensel und Lili Boulanger. Dass dieser Film 2018 mit einem Opus Klassik ausgezeichnet wurde, hat die beiden motiviert, sich erneut mit einer Frauenfigur aus der Klassik-Szene zu beschäftigen. Diesmal allerdings ist die Sache nicht so einfach.

Mischung aus Roadmovie und Dokumentation

Um mehr über Dora Pejačević zu erfahren, begeben sich Steckeweh und van Beveren nach Nasice in den Nordosten von Kroatien, wo das Schloss der Pejačevićs stand. Sie besuchen das Grab der Komponistin, gehen in die lokalen Archive, und sprechen mit Musikwissenschaftlerinnen und Historikern über ihre Musik. Die Kamera ist immer mit dabei – und so wird aus der musikalischen Spurensuche eine Art Detektivspiel – eine Mischung aus Roadmovie und Dokumentation.

Viel Raum für die Musik

Dabei kommt es dem Film zugute, dass Kyra Steckeweh nicht nur als Expertin auftritt, sondern die Musik von Dora Pejačević auch spielt. Es gibt lange Passagen, in denen sie in einem Rundfunk- Studio sitzt und Pejačević -Sonaten aufnimmt. Schön nicht nur deshalb, weil hier der Musik Raum gegeben wird, sondern weil anschließend auch über das gerade Gehörte gesprochen wird. Zuzuhören, wie Steckeweh und van Beveren die Musik reflektieren, ist ein Genuss.

Gefangen in den Konventionen ihrer Zeit

"Dora – Flucht in die Musik" beleuchtet auch den familiären Hintergrund der Komponistin: Dora Pejačević war eine selbstbewusste, emanzipierte Frau, wie man aus ihren Briefen herauslesen kann. Sie war mit wichtigen Intellektuellen ihrer Zeit befreundet wie Rainer Maria Rilke und Karl Kraus, gleichzeitig musste sie sich aber auch als Tochter eines Grafen an die Konventionen der Zeit halten: So hat ihre Familie zwar ihre musikalische Ausbildung gefördert, als es jedoch ernst wurde und Dora Pejačević ihre Musik aufführen lassen wollte, war es mit der Unterstützung vorbei.

Dora Pejacevic am Klavier; © tvbmedia productions/docfilmpool e.V. - Berlin
Bild: tvbmedia productions/docfilmpool e.V. - Berlin

Späte Wiedergutmachung

Am Ende sorgt der Film sogar noch für eine späte Wiedergutmachung am Werk der Komponistin: Tim van Beveren und Kyra Steckeweh haben bei ihren Recherchen herausgefunden, dass das Gewandhausorchester in Leipzig 1922 Pejačevićs einzige Sinfonie aufführen wollte. Es gab schon die Zusage des damaligen Kapellmeisters Artur Nikisch, allerdings kam es nicht mehr zur Premier, weil zunächst Nikisch und kurz darauf auch Dora Pejačević starb.

Nun aber, im Zuge der Dreharbeiten, haben die beiden Filmemacher die Leitung des Gewandhausorchesters nochmal mit ihrem Versprechen von damals konfrontiert - und so kommt es am Ende des Films tatsächlich noch zu der versprochenen Aufführung in Leipzig – 100 Jahre nach dem ursprünglich geplanten Termin.

Carsten Beyer, rbbKultur

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