Ingeborg Bachmann - Reise in die Wüste © Wolfgang Ennenbach / MFA+ / Alamode Film
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Autobiografisches Drama - "Ingeborg Bachmann - Reise in die Wüste"

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Eine Dichterin in der Wüste – auf der Suche nach ihrem inneren Gleichgewicht und nach einer Erklärung für das Scheitern ihrer Liebe. Margarethe von Trotta stellt die Beziehung Ingeborg Bachmanns zu dem Schweizer Schriftsteller Max Frisch ins Zentrum ihres Films – eine Mesalliance, die in Streit und Eifersüchteleien endet. Das hat zwar einen gewissen Unterhaltungswert, wird ihrer Protagonistin aber nur teilweise gerecht.

Ingeborg Bachmann war eine der wichtigsten Autorinnen des 20. Jahrhunderts. Sie hat Hörspiele geschrieben, Prosa-Texte und vor allem Gedichte, die sie weit über die Grenzen ihrer österreichischen Heimat hinaus berühmt gemacht haben. Sie war eine starke, unabhängige Frau, die von ihrem Umfeld zu einer Gallionsfigur des Feminismus stilisiert wurde. Gleichzeitig war Ingeborg Bachmann aber auch sehr sensibel und von Selbstzweifeln zerfressen – ein Umstand, der wohl auch zu ihrem frühen Tod mit beigetragen hat.

Von Selbstzweifeln zerfressen

Pünktlich zu Bachmanns 50. Todestag kommt nun Margarethe von Trottas Film "Ingeborg Bachmann - Reise in die Wüste" in die Kinos, der bereits im Frühjahr auf der Berlinale zu sehen war. Darin konzentriert sich die Regisseurin vor allem auf die Beziehung der Dichterin (Vicky Krieps) zu dem Schweizer Schriftsteller Max Frisch (Ronald Zehrfeld).

Von Trotta stützt sich dabei auf das Buch "Aufzeichnungen aus der Zeit der Krankheit", eine Sammlung von Briefen und Tagebuchnotizen Bachmanns, die 2017 bei Suhrkamp erschienen ist – viele Jahre nach dem Tod von Ingeborg Bachmann.

Star am Literaturhimmel

Die Auswahl dessen, was ihr Film erzählt, ist dabei sehr selektiv. Man erfährt nichts über die Kindheit oder die Jugend von Ingeborg Bachmann. Auch nichts darüber, wie sie berühmt geworden ist. Stattdessen beginnt der Film mit der ersten Begegnung von Bachmann und Frisch im Jahr 1958. Frisch, der arrivierte Großschriftsteller, möchte den neuen Star am Literaturhimmel unbedingt kennenlernen. Er macht der jungen Dichterin Komplimente, gesteht ihr seine Bewunderung und überredet sie schließlich, zu ihm in sein Haus am Zürichsee zu ziehen.

Ingeborg Bachmann - Reise in die Wüste © Wolfgang Ennenbach / MFA+ / Alamode Film
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Toxische Beziehung

Doch die Beziehung der beiden, die so romantisch beginnt, entwickelt schon bald toxische Züge. Der deutlich ältere Schweizer entpuppt sich als eitler und selbstverliebter Spießer, der seiner deutlich jüngeren Freundin keine Luft zum Atmen lässt. Er gönnt ihr ihren Erfolg nicht, ist eifersüchtig auf ihre Verehrer – und, was sie als besonders schlimmen Verrat empfindet: er nimmt die Beziehung als Material für sein eigenes Schreiben.

Als Bachmann schließlich in ihre eigene Wohnung nach Rom flieht, um dort näher an ihren Freunden wie dem Komponisten Hans Werner Henze (Basil Eidenbenz) zu sein, ist die Beziehung mit Frisch eigentlich schon gescheitert. Trotzdem reist er ihr nach und provoziert einen dramatischen Showdown, der die junge Frau tief verunsichert zurücklässt.

Ingeborg Bachmann - Reise in die Wüste © Wolfgang Ennenbach / MFA+ / Alamode Film
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Erzählung in Rückblenden

Margarethe von Trotta erzählt ihre Geschichte in Rückblenden. Jahre später, bei einer Reise in die Wüste, die Ingeborg Bachmann mit dem Schriftsteller Adolf Opel (Tobias Resch) unternimmt, verarbeitet sie das Drama der gescheiterten Beziehung. Der Trip an einen Sehnsuchtsort, an der Seite eines deutlich jüngeren Mannes, wird gewissermaßen zur Läuterung für Bachmann. Das Ganze gipfelt in einer Gruppensex-Szene mit Bachmann, Opel und zwei arabischen Männern, die für Margarethe von Trotta zum Symbol der Befreiung für die Dichterin wird.

Den Fokus verloren

Spätestens da aber ist ihr Film gescheitert, denn der Fokus auf die Person Ingeborg Bachmann geht in der bemühten Erzählstruktur und im Hin- und Her der Rückblenden mehr und mehr verloren: Daran können auch die schönen Bilder aus der Wüste (Kamera: Martin Gschlacht) und die ansprechende Leistung von Hauptdarstellerin Vicky Krieps nichts ändern. Wer Ingeborg Bachmann wirklich war und was sie in der Beziehung zu Max Frisch gesucht hat, wird man in diesem Film jedenfalls nicht erfahren.

Carsten Beyer, rbbKultur

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