Smoke Sauna Sisterhood © Neue Visionen Filmverleih
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Dokumentation - "Smoke Sauna Sisterhood"

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Die Zeremonie der Rauchsauna im Süden von Estland gehört zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO. Rund 3.000 Rauchsaunen gibt es in der Region, einfache Hütten im Wald, mit einem offenen Holzfeuer, um die Steine zu erhitzen, ohne Schornstein. Ein Saunabesuch kann den ganzen Tag dauern mindestens aber vier Stunden. Sieben Jahre hat die estnische Künstlerin, Fotografin und Filmemacherin Anna Hints die Bräuche rund um die Smoke Sauna dokumentiert und die Gespräche der Badenden festgehalten. Ihr Film "Smoke Sauna Sisterhood" gewann beim US-amerikanischen Sundance Filmfestival den Preis für die beste Regie in der Sektion Dokumentarfilm. Jetzt kommt der Film bei uns ins Kino.

Smoke Sauna Sisterhood © Neue Visionen Filmverleih
Doku "Smoke Sauna Sisterhood" (Estland, 2023) | Bild: Neue Visionen Filmverleih

Draußen hackt die Bademeisterin ein Loch in den gefrorenen See und sammelt Zweige, mit denen der Schweiß vom Körper gewedelt wird. Drinnen knistert das Holzfeuer, der Rauch strömt in den Raum. Die ersten Frauen treffen ein und nehmen auf der Holzbank Platz. Bald sitzt die Sisterhood, die kleine Gemeinschaft auf Zeit, Haut an Haut in der engen Hütte.

Ein Ort mit langer Tradition

Die estnische Regisseurin Anna Hints ist mit der Tradition der Rauchsauna aufgewachsen: "Die Rauchsauna war ein Ort, an dem die Frauen ihre Kinder zur Welt brachten oder die Toten wuschen. Wo Menschen geheilt wurden. Es ist eine Art heiliger Ort, man legt seine Kleider ab, und zwar nicht nur die realen Kleider, sondern auch die emotionalen Hüllen. Man betritt die Sauna und man darf alle Erlebnisse und Emotionen teilen."

Seelenreinigung

In den Gesprächen geht es um existenzielle Themen des Frauenlebens, um Krebs und Abtreibung, die erste Periode, das Coming Out, um Geburt, Vergewaltigung und Betrug. In der Hitze, sagt Anna Hints, wird nicht nur der Körper, sondern auch die Seele gereinigt:

"Ich wurde in diese Kultur hinein geboren. Ihre Bedeutung habe ich mit elf Jahren verstanden. Mein Großvater war gerade gestorben. Und am Tag vor der Beerdigung gingen wir in die Rauchsauna. Meine Großmutter, meine Tante, meine Nichte und ich. Und da erzählte meine Großmutter, dass mein Großvater sie betrogen hatte. Dass er mit einer anderen Frau gelebt hat. Und meine Großmutter ließ all diese Gefühle einfach gehen. Schmerz, Wut, Scham. So dass wir ihn in Frieden begraben konnten."

Nähe

Manche Frauen verbergen ihr Gesicht, während sie sprechen, andere hören intensiv zu. In dem engen Raum ist die Kamera ganz nah bei den Körpern. Im Licht des Feuers erscheinen sie fast wie abstrakte Skulpturen. Der Schweiß überzieht Rücken, Bauch und Beine mit einem Netz von glitzernden Perlen, die feinen Härchen stellen sich flaumig auf, die Haut wird zu Babyhaut. Für die Regisseurin war es wichtig, jede Erotik oder Sexualisierung zu vermeiden:

"Deshalb habe ich mit dem Kameramann Testbilder von meinem eigenen Körper gemacht, um eine visuelle Sprache zu finden. Und erst als ich mich sicher in meinem eigenen Körper fühlte, habe ich die Bilder den Frauen gezeigt. Und sie haben sich auch sicher gefühlt. Das war eine wunderschöne Zusammenarbeit, die alle mitteinbezog."

Smoke Sauna Sisterhood © Neue Visionen Filmverleih
Bild: Neue Visionen Filmverleih

Ein Film, der vom Leben erzählt

Die Intensität der Erzählungen überträgt sich auf das Publikum, so dass man die Anwesenheit der Kamera vergisst. Tatsächlich aber war der Dreh über Stunden in der Hitze des engen Raums herausfordernd:

"Kameramann und Toningenieur hatten nasse Lappen auf ihren Köpfen. Die Kamera ist sehr heiß geworden, weil sie aus Metall ist. Deshalb musste der Kameramann Handschuhe anziehen, um sie zu bedienen. Es war eine Herausforderung, aber wir haben es gemacht."

In den Außenaufnahmen folgt der Film dem Rhythmus der Jahreszeiten: Winter, Frühling, Sommer. Am Ende vertreibt die Bademeisterin mit ihren Laubwedeln endgültig die bösen Geister. "Smoke Sauna Sisterhood" bricht mit Schmerz, Scham und Schweigen. Auf magisch-poetische Weise erzählt der Film vom Leben.

Simone Reber, rbbKultur

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