Green Border © Films Boutique
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Drama - "Green Border"

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Der Ukraine-Krieg und auch der Krieg im Gazastreifen haben unsere Aufmerksamkeit in den letzten Monaten von dem Schicksal syrischer und afrikanischer Flüchtlinge abgezogen. Doch hat sich für sie wenig geändert, noch immer versuchen viele Menschen, nach Europa zu kommen – wie, davon erzählt der schon mehrfach ausgezeichnete Film "Green Border" der polnischen Regisseurin Agnieszka Holland.

Falsche Versprechen für Geflüchtete

Es geht um das Grenzgebiet zwischen Polen und Belarus im Jahr 2021. Die Zeit, in der der belarussische Diktator Lukaschenko Geflüchtete mit den Versprechungen in sein Land lockt: von hier aus sei der Weg nach Deutschland oder in welches Land auch immer – Frankreich, Schweden – nur noch ein Katzensprung. Länder, die den Geflüchteten im Zweifelsfalle gar nichts sagen – sie stehen vor allem für ein Leben in Sicherheit. Diese „grüne Grenze“ an dem östlichen Rand Europas ist von der Vegetation her sumpfig und waldig, politisch ein Niemandsland, ein rechtsfreier Raum, in dem Begriffe wie Verantwortung, Mitgefühl oder Menschlichkeit nicht existieren.

Geflüchteten, Grenzsoldaten und Aktivist:innen

Agnieszka Holland hat für ihren Film sehr viel und sehr lange recherchiert. Sie hat mit allen Seiten gesprochen: Geflüchteten, Grenzsoldaten und Aktivist:innen. Diese drei Perspektiven bringt sie hier zusammen.

Da ist die syrische Familie, die mit zwei Kindern und dem Großvater zu Verwandten nach Schweden will, ihnen schließt sich eine alleinstehende Frau aus Afghanistan an. Dann gibt es die Gruppe junger Aktivist:innen, die den Geflüchteten in den Wäldern helfen. Was illegal ist. Und dann sind da die polnischen Grenzsoldaten, die – von ihren Vorgesetzten ermuntert - mit unfassbarer Brutalität gegen die geflüchteten Menschen vorgehen.

Sie alle treffen immer wieder in den Wäldern zwischen Belarus und Polen aufeinander. Zentraler Begriff ist das sogenannte „Pushback“: Migranten werden an der Grenze abgewiesen, ohne die Chance, einen Asylantrag zu stellen: von Belarus nach Polen und wieder zurück nach Belarus.

Niemand hier ist nur gut oder nur böse

Die Regiesseurin Agnieszka Holland schaut da ganz genau hin. Und zwingt uns, auch hinzusehen. Was schwer zu ertragen ist. Zu sehen, wie sich die erst so zuversichtliche syrische Familie jetzt in den morastigen Wäldern dieses Niemandslandes verstecken muss, den Grenzposten ausgeliefert, die, egal in welchen Zustand, Alte und Kinder, Schwangere und Verletzte, selbst Tote, über die Grenzzäune werfen, in den Stacheldraht hinein. Nur weg mit ihnen.

Das ist das Setting. Agnieszka Holland gibt den unterschiedlichen Seiten Gesichter, ergreift natürlich Partei, doch niemand hier ist nur gut oder nur böse. Was sie schildert, ist ein großes Chaos. Ein politisches Chaos, das auf unterster Ebene, nämlich an der Grenze, in großer Unmenschlichkeit ausgetragen wird.

Dieser Film will aufrütteln

Aus ihrer politischen Haltung macht Agnieszka Holland auch bei GREEN BORDER keinen Hehl. Der Film ist ein klares politisches Statement der heute 78jährigen - für das sie in Polen von der PiS-Regierung schwer bekämpft wurde: als antipolnisch und propagandistisch. Dieser Film will aufrütteln, um jeden Preis – auch die EU: hinzuschauen, was da auch heute noch passiert zwischen Polen und Belarus.

Holland hat ihren Film in schwarz-weiß gedreht. Sie setzt auf die Macht der Bilder und auf das Kino als Ort der großen Gefühle. Ganz sicher wird GREEN BORDER niemanden unberührt lassen. Und doch ist vielleicht gerade ihr Ansinnen, nicht schwarz-weiß malen zu wollen, jeder Seite irgendwie gerecht zu werden das Problem. Die Figuren sind wie Stellvertreter für das große Ganze. Das nimmt ihnen Authentizität. Bis auf die Figur der späten Aktivistin Julia, Maja Ostaszweska, sie macht die Ambivalenz spürbar, die dem Film guttut.

Christine Deggau, rbbKultur

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