Poor Things © Searchlight Studio
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Tragikomödie - "Poor Things"

Bewertung:

Schon bei den Filmfestspielen in Venedig wurde "Poor Things" von Yorgos Lanthimos als bester Film ausgezeichnet. Es folgten die Golden Globes im Januar, bei denen auch Hauptdarstellerin Emma Stone als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde. Damit gilt die Tragikomödie als heißer Oscar-Anwärter.

"Poor Things" ist eine weibliche Frankenstein-Geschichte und basiert auf dem gleichnamigen schottischen Roman aus dem Jahr 1992. Doch was Lanthimos, der für Filme wie "The Lobster" oder "The Favourite" gefeiert wurde, daraus macht, spricht eine ganz eigene Sprache.

Eigentlich ist das, wovon Yorgos Lanthimos in seinem Film "Poor Things" erzählt, abstoßend, ja, eigentlich sogar grausam. Da sind Kreaturen wie Ziegen mit Entenschnäbeln, vierbeinige Gänse, Hühner mit dem Gesicht eines Mopses – sie alle bevölkern das großzügige viktorianische Haus des Mediziners Dr. Gordon Baxter.

Baxter ist ein Mann, der es liebt, an lebendem Material zu experimentieren. Doch da er seine Kreaturen dann allesamt ins Herz schließt und ihnen ihre Freiheit lässt, hat diese Welt ihre ganz eigene Poesie. Baxters neueste "Erfindung" ist Bella. Bella ist eine hochgewachsene schöne Frau – in ihrem Körper aber lebt der Geist eines kleinen Kindes.

Abschied vom kindlichen Universum

Bella muss lernen zu laufen, zu sprechen, sich in der Gesellschaft des späten 19. Jahrhunderts zu verhalten. Dass die Männer sich für sie interessieren, interessiert Bella wiederum lange überhaupt nicht, wüsste sie doch gar nichts mit ihnen anzufangen. Bis sie ihre sexuelle Lust dank eines Apfels entdeckt. In diesem Moment verabschiedet Bella sich aus ihrem kindlichen Universum, es beginnt ihre Frau-Werdung und damit eine ungewöhnliche Emanzipations-Geschichte.

Launig und witzig sind die kleinen Stelldicheins zwischen der immer selbstbewusster werdenden Bella – die Emma Stone mit wunderbar trockenem Humor verkörpert – und ihrem selbstverliebten und abgehalfterten Verehrer, mit dem sie sich auf Weltreise begibt. Der wird gespielt von Mark Ruffalo, der sich hier lustvoll zum gehörnten Deppen machen lässt. Neben ihm ist es vor allem auch Willem Dafoe als Dr. Baxter, der seine Rolle als "God", wie Bella ihren entstellten Ziehvater nennt, mit mildem Eifer verkörpert. So, dass man ihm seine grausamen Experimente zu verzeihen geneigt ist.

Alle Aufmerksamkeit aber liegt natürlich auf Emma Stone, die bei "Poor Things" auch als Produzentin agiert, wodurch sie an jeder Entscheidung beteiligt war. Das habe, sagt sie, ihrem Spiel überaus gutgetan. Und so ist Stone als Bella ohne Zweifel eine Wucht: Sie nimmt sich den Raum, den sie braucht, um sich von der staksigen Kindfrau zu einer Erwachsenen zu entwickeln. Eine Frau, die kein Problem hat, sich über gesellschaftliche Erwartungen hinwegzusetzen und das zu tun, wonach ihr der Sinn steht.

Rausch einer zügellosen Fantasie

"Poor Things" ist auf den ersten Blick eine moderne Frankenstein-Geschichte. Doch bietet dieser Film des griechischen Ausnahmeregisseurs viel mehr als das. Die unübersehbare Lust am Spiel aller Beteiligten, die bis ins Detail stimmige Ausstattung, die hinreißenden Kostüme und die ungewöhnliche Kameraführung von Robby Ryan, die das Fischauge zum Prinzip erhebt – all das ist gewagt und präzise, wild und komisch – ein einzigartiger Rausch einer zügellosen Fantasie.

Christine Deggau, rbbKultur

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