Historisches Foto der VEB Treffmodelle von 1981 aus der Fotografischen Sammlung des Stadtmuseums Berlin (Bild: rbb-Fernsehen)
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Ausstellung - "Ost-Berlin. Die halbe Hauptstadt"

Die Hauptstadt der DDR war eine Lebenswelt voller Spannungen. Einerseits Machtzentrum des SED-Regimes, andererseits ein Ort der sozialen und kulturellen Vielfalt. Die Ausstellung "Ost-Berlin. Die halbe Hauptstadt" im Ephraim-Palais zeigt, wie die Menschen in Ost-Berlin ihr Leben arrangierten.

Die Greifswalder Straße. Ines Hahn ist an dieser Ostberliner Magistrale aufgewachsen und wohnt hier noch heute. Sie hat Fotos ihrer Straße dabei - von 1981, grau und blass. Doch in Wirklichkeit war es damals hier ganz schön bunt.

Ines Hahn, Leiterin der Fotografischen Sammlung des Stadtmuseums Berlin

"Man sieht auch, dass das relativ schön gestaltet war. Es gab so einheitliche Markisen. Ich glaube, die waren orange. Das war auch wirklich farbig und bunt."

Nach dem Abitur begann Ines Hahn 1981 in dieser Straße bei einem Hersteller von Damenmänteln zu arbeiten, dem VEB Treffmodelle.  Ihr Vater war dort technischer Direktor. Zuweilen eilte er in die Gaststätte nebenan - währen der Arbeitszeit.

Ines Hahn, 1981-1983 Näherin, VEB Treffmodelle

"Mein Vater sagte, er musste manchmal da seine Handwerker suchen. Wenn die sich während des Dienstes entfernt haben, dann wusste er genau, wo er sie finden kann. Und so wie auf dem Foto sah das VEB Treffmodelle damals aus. Man sieht die Werksuhr. Es gab da eine Vitrine, wo ein paar Mäntel ausgestellt waren und hier an dem Pförtner mussten alle vorbei."

Das Vorderhaus ließ ihr Vater ein paar Jahre später bauen.

Ines Hahn, 1981-1983 Näherin, VEB Treffmodelle

"Ja und hier ist noch ein Foto, auf dem man sieht, wie ich an der Nähmaschine nähe."

Ines Hahn ist heute Leiterin der Fotografischen Sammlung des Stadtmuseums. Vor kurzem fiel ihr ein wahrer Schatz in die Hände: 202 Fotos der Greifswalder Straße und der Friedrichstraße von 1981, akribisch im Auftrag der staatlichen Handelsorganisation Haus für Haus abfotografiert und zusammengeklebt. Ganze 10 Kilometer tiefstes Ostberlin auf 43 Metern.

 Ines Hahn, Leiterin der Fotografischen Sammlung des Stadtmuseums Berlin

"Der Fokus des Fotografen liegt auf den Ladengeschossen, aber er fängt natürlich ganz viel  Alltagsleben mit ein. Der Fotograf wollte die Leute nicht mitfotografieren, die Autos, die Verkehrsmittel, die Fahrradfahrer. Das ist auch kein ideologischer Blick. Es gab keine bestimmte Absicht, außer diese Ladengeschoßzonen zu fotografieren. Das ist unideologisch und deshalb für uns besonders wertvoll. Hier haben wir zum Beispiel wieder die Bäckerei, wo Leute davor nach frischen Schrippen anstehen und eine Telefonzelle. Da waren ja immer diese Schilder drin: 'Fasse Dich kurz!'  Man hat sich natürlich nicht daran gehalten.“

Erstaunlich ist, dass man auf den Fotos viel weniger staatliche Geschäfte findet, als private. Das Klischee behauptet eigentlich das Gegenteil. Genau darum geht es in der Ostberlin-Ausstellung, die an diesem Wochenende im Ephraim-Palais eröffnet: Die Klischees und Schlagworte zu hinterfragen.

Der Historiker Jürgen Danyel, selbst Ostberliner, hat diese Ausstellung zusammengestellt. Ostberlin sei zwar Geschichte, sagt er, aber kein abgeschlossenes Kapitel. Die Ausstellung will zeigen, wie vielschichtig und auch widersprüchlich das Leben in Ostberlin war. - Ein Ort, an dem gearbeitet und gelebt wurde, in dem Kultur entstand und man, nicht nur in Kneipen, lebhaft diskutierte.

Jürgen Danyel, Ausstellungsleiter

"Ostberlin war ja auch immer ein Ort, wo es durchaus durchaus politische Fantasie gegeben hat, Impulse gegeben hat, das Land zu verändern. Also ich kann mich an viele Gespräche in Ostberliner Wohnzimmern erinnern, wo man sozusagen mit großer Wut über die Zustände in dem Land debattiert hat und versucht hat, in seinem Lebensumfeld auch auf Veränderungen zu drängen."

Die Ausstellung erzählt nicht von Tätern und Opfern - hier der Staat, dort die unterdrückte Bevölkerung. Sie zeigt ein vielfältiges Leben voller Kraft und Selbstbewusstsein, wie in diesen Portraits der Näherinnen der VEB Treffmodelle aus der Greifswalder Straße.

Jürgen Danyel, Ausstellungsleiter

"Das versuchen wir ja auch in der Ausstellung zu zeigen, dass es fließende Übergänge sind und dass es dieses Dazwischen gab, zwischen den Polen."

Ein Abschnitt dieses "Dazwischen" sind eben jene 10 Kilometer Straße. In dieser Ausstellung kann man Ost-Berlin hinter dem Schwarz-Weiß in einer erstaunlichen Buntheit entdecken.

Autor: Dennis Wagner