Johannes Fischer und Silke Hennig © Johannes Fischer
Bild: Johannes Fischer

Interview zur Art Week 2019 - Die Kunst, die Stadt und das Geld

Johannes Fischer im Gespräch mit rbbKultur-Kunstkritikerin Silke Hennig über die Berliner Art Week, warum im Hamburger Bahnhof eine Wachspuppe von Anne Frank steht und wie es um die Zukunft der Kunstmesse Art Berlin steht.  

Kein klares Bild

Johannes Fischer: Ich verstehe ja ein wenig von Kunst, aber das Blatt vor Deinem Gesicht musst Du erklären.

Silke Hennig: Das ist ein kleiner Verweis darauf, dass es eben jetzt ums genaue Betrachten geht. Und ums Interpretieren dessen, was man betrachtet.

Du entziehst Dich unserem Blick, damit wir Dich imaginieren müssen.

Genau. Die weite Welt der Vorstellungskraft soll aktiviert werden.

Ah ja. Wir reden besser über die Art Week. Was sind denn für Dich die Höhepunkte in diesem Jahr?

Das lässt sich im Vorfeld nie so genau sagen.

Ein Höhepunkt dürfte aber auf jeden Fall das Gemeinschaftsprojekt des Berliner Zentrum für Kunst und Urbanistik und der KunstWerke im Haus der Statistik sein, oder?

Ja, darauf bin ich auch sehr gespannt. Das verspricht so verschiedenartig zu werden, dass ich bis jetzt überhaupt kein klares Bild davon habe, was mich da erwartet. Das ist wirklich ein Sprung ins Unbekannte.

Was weißt Du denn schon darüber?

Letztlich soll es darum gehen, wie wir in einer Gemeinschaft, auch in einer städtischen Gemeinschaft leben. Und wie man dort vielleicht andere Formen des Zusammenlebens organisieren könnte.

Noch was, wo Du unbedingt hingehen wirst?

Ich werde mir auf jeden Fall einige der Projekträume anschauen. Das Schöne an der Art Week ist, dass alle geöffnet haben. Und das kann man zum Anlass nehmen, um Orte aufzusuchen, die sonst eher ein wenig abseits liegen.

Übermächtiges Bild

Am Donnerstag wird auch im Rahmen der Art Week der Preis der Nationalgalerie verliehen. Nominiert sind: Pauline Curnier Jardin, Simon Fujiwara, Flaka Haliti und Katja Novitskova. Was ist das für ein Jahrgang?

Das ist stellvertretend für das, was in der zeitgenössischen Kunst gerade passiert: Künstler beschränken sich nicht mehr nur auf ein Medium, sondern bearbeiten ihre Themen mit vielen verschiedenen Medien. Das führt aber auch zu einer gewissen Unschärfe, sowohl bei den Themen als auch in den Darstellungsformen. Und so richtig vom Hocker gerissen hat mich nichts.

Gar nichts?

Naja, der britische Künstler Simon Fujiwara vielleicht. Der hat in der Tat eine sehr erstaunliche Karriere gemacht. Und dessen Arbeiten sind für mich der interessanteste Beitrag in diesem Jahr.

Was sieht man von Simon Fujiwara?

Zentrales Ausstellungstück ist die Präsentation einer Wachspuppe von Anne Frank. Eigentlich geht es darum, was aus Identifikationsfiguren oder Figuren der Verehrung wird. Anne Frank als eine Person der Zeitgeschichte, aber auch eine Figur, an deren Erinnerung sich viele Emotionen knüpfen.

Wie wird diese Anne Frank gezeigt?

Sie wird in einen kalten weißen Raum als Ausstellungsstück gesetzt. Eben als Wachspuppe, die scheinbar schreibend am kleinen Tisch sitzt. Also eine Inszenierung, die aber so übermächtig ist dass man das als Betrachter leicht übertragen kann auf andere Phänomene oder Personen des öffentlichen Lebens.

Wäre Simon Fujiwara Dein Tipp für den Preis der Nationalgalerie in diesem Jahr?

Ja, der erscheint mir schon am vielversprechendsten. Wobei man seine Kunst im Hamburger Bahnhof noch besser hätte inszenieren können.

Getrübtes Bild

Wie geht’s der Berliner Art Week eigentlich?

Der Anker der Berliner Art Week ist ja die Messe, die Art Berlin, und die daran angedockte Positions Berlin. Aber der Reiz, Menschen auch aus der Ferne mit vielen ungewöhnlichen Orten, ungewöhnlichen Ausstellungsformaten und einer quirligen Kunstszene nach Berlin zu locken, der schwindet so langsam, glaube ich.

Warum?

Weil diese Kunstszene es immer schwerer hat. Der Verdrängungskampf in der Stadt wird immer stärker, zum Beispiel wegen der hohen Mieten. Es gibt immer weniger Gewerberäume zu erschwinglichen Preisen. Das macht es den Künstlern schwer. Und darunter leidet auch die Attraktivität des Kunststandortes.

Verliert Berlin gerade seinen Ruf als Kunstmetropole?

Ich würde sowieso eher sagen: „Kunstmetropole“. Als Galerienstandort war Berlin nie besonders stark. Die großen Galerien sitzen woanders.

Zum Beispiel in Köln. Und auf der Kunstmesse Art Berlin wird wohl auch gar nicht so viel verkauft.

Genau. Das ist immer so ein Wackelgeschäft. Die Galerien investieren, weil sie sagen: So locken wir noch Leute nach Berlin. Die haben ja noch ihre Galerien zum Ausstellen. Aber das ist kein Selbstläufer. Die sitzen wahrscheinlich jedes Jahr nach Abschluss der Art Week da, rechnen alles zusammen und wackeln mit den Köpfen, ob man das so weitermachen kann.

Klingt nicht sehr optimistisch.

Ich glaube nicht, dass diese Messe Art Berlin in trockenen Tüchern ist.

Wie wird das weiter gehen?

Die Art Week wird ja bezuschusst vom Berliner Senat, und zwar von der Wirtschaftssenatorin. Weil Kunst ein wichtiger Standortfaktor ist. Deswegen hält man daran fest. Aber wenn sich immer weniger an diesem Anker Kunstmesse beteiligen, dann weiß ich nicht, wie es mit der Art Week weiter gehen wird.

Deine Prognose?

Lässt sich schwer sagen. Ich kann jetzt nicht den Daumen heben oder senken. Denn das kann sich von einem Jahr aufs andere auch schon wieder ändern.