Sammy Baloji: … and to those North Sea waves whispering sunken stories (II) (… und zu diesen Nordseewellen, die versunkene Geschichten raunen (II); 2021; Metall- u. Glasterrarium mit verschiedenen tropischen Pflanzen, Blumenerde, Tonkiesel, Ton © dogtain.info
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12. Berlin Biennale for Contemporary Art - "Still Present!"

Die "drängenden Fragen der Gegenwart" will sie angehen: Die Berlin Biennale zeigt politisch engagierte Kunst. Mehr als 70 internationale Künstler:innen und Kunstkollektive präsentieren sich an sechs Orten in Berlin. Neben Ausstellungen gibt es Performances, Workshops und Führungen. Die Biennale geht bis zum 18. September 2022. Ein Ausblick von Silke Hennig.

"Still Present" – das kann soviel heißen wie: "Immer noch anwesend" oder auch "Stille Gegenwart" und verweist (bei aller Mehrdeutigkeit) auf eine Situation, der man sich erst bewusst werden muss. Genau auf diese "Bewusstwerdung" zielt das Programm ab, das der diesjährige Kurator Kader Attia, selbst Künstler und Aktivist, mit seinem Team entwickelt hat.

Es will mit den Mitteln der Kunst sichtbar machen, was unser Denken und Handeln bestimmt und beschränkt und was Attia unter dem Begriff "Kolonialisierung" zusammenfasst: historisch gewachsene Strukturen der Ausbeutung von Mensch, Natur, Daten. Erst dann könne man daran gehen, die Dinge zum Besseren zu verändern, zu "reparieren".

Politische Wolken

Ein unendlich langes Panorama, ein Fries aus hellen und dunklen Wolken umspielt eine der Rieckhallen des Hamburger Bahnhofs. Was harmlos aussieht, ist die Visualisierung einer militärischen Strategie: Der Künstler Lawrence Abu Hamdan hat öffentlich zugängliche Daten aus 15 Jahren ausgewertet, die die Intensität der Überwachung des libanesischen Luftraums durch israelisches Militär beziffern.

Der Lärm der dafür eingesetzten Flugzeuge und Drohnen wurde über Jahre hinweg zur "normalen" Geräuschkulisse – eine akustische Form der Kriegsführung, die die betroffenen Menschen nicht nur konditionierte, sondern auch gesundheitliche Schäden hervorruft. Mit Hilfe einer Software, die normalerweise dazu dient, Rauchschwaden in Spielfilmen zu simulieren, "übersetzte" Abu Hamdan diese Daten in Bilder – von Wolken. Jeder Zentimeter seiner Arbeit "Akustische Konditionierung" entspricht einem Tag und zeigt eine Realität, die sonst nicht sichtbar wäre.

Am Rande der Gesellschaft

Von der Gegenwart, von Politik oder Ökologie reicht der Scheinwerferkegel, mit dem diese Berlin Biennale blinde Flecken in unserem Wissen über die Welt beleuchtet, auch ins Private. So hat der französische Fotograf Mathieu Pernot beispielsweise über zwei Jahrzehnte hinweg das Leben einer Roma-Familie begleitet – ihren Alltag im Wohnwagen, das Aufwachsen ihrer Kinder, Geburt und Sterben. Seine Bilder, die im KW – Institute for Contemporary Art zu sehen sind, zeigen eine Gemeinschaft am Rande der Gesellschaft, für die Zusammengehörigkeit alles ist.

Auf ganz andere Weise, nämlich durch die koloniale Vergangenheit verbunden – bzw. zerrissen - sind dagegen die Familien, denen der vietnamesische Künstler Tuan Andrew Nguyen in seiner poetischen Video-Installation "Die Gespenster werdender Ahn:innen" in den Rieckhallen Stimme gibt. Für die Kolonialmacht Frankreich waren in Indochina auch Soldaten aus dem Senegal im Einsatz, die mit vietnamesischen Frauen Kinder zeugten und mit ihnen - oder auch nur mit den Kindern – nach Afrika zurückkehrten. In knappen, inneren Dialogen und Monologen lässt Nguyen sie, bzw. ihre Nachkommen über ihr Anders-Sein, über Sehnsüchte und Verletzungen sprechen - oder auch singen.

Fazit: Gelungen

So erweist sich diese Berlin Biennale durchaus nicht so politisch-schwergängig oder Theorie-lastig wie ihre Ankündigungen befürchten ließen, sondern bisweilen auch emotional packend. Jeder der sechs Ausstellungsorte widmet sich einem eigenen Aspekt – die Akademie der Künste am Hanseatenweg etwa der Kolonisierung der Natur, ihr Pendant am Pariser Platz der Rolle von Archiven bei der "Reparatur" historisch gewachsener Verwerfungen.

Überall begegnet man interessanten künstlerischen Positionen und Erzählungen, die ein anderes Licht auf unsere Welt werfen. Er wollte eine Berlin-Biennale kuratieren, hat Kader Attia gesagt, die dem Publikum "Re-Orientierung" bietet, die zur Reflexion anregt, auch zum Träumen. Es ist ihm gelungen.

Silke Hennig, rbbKultur

12. Berlin Biennale: "Still Present!"